Ein kleines Ratespiel: Wie wäre die folgende Reihe fortzusetzen - Berlin, Kopenhagen, Peking? Wer jetzt spontan an Jakarta denkt, weist sich als problembewußter Weltbürger aus, Gratulation.

Für alle anderen gleich die Auflösung: Mit jeder Stadt verknüpft sich dieses Jahr eine globale Themenkonferenz. In Berlin beriet die Weltgemeinschaft über das Klima, in Kopenhagen über Armut, in Peking über Frauenrechte und in Jakarta steht Anfang November die "Biodiversität" auf der internationalen Tagesordnung.

Doch obwohl schon in wenigen Wochen die Delegationen zu dieser nächsten Weltkonferenz jetten werden, herrscht hierzulande noch weitgehend Funkstille zum Thema "biologische Vielfalt". Wer erinnert sich schon daran, daß in Rio neben der Klimakonvention als zweites großes Regelwerk auch eine internationale Biodiversitäts-Konvention verabschiedet wurde, die den Schutz der gesamten Lebensvielfalt auf diesem Globus regeln soll? Und wer ist sich darüber im klaren, daß dabei erstmals versucht wird, der Natur einen finanziellen Wert zuzumessen?

Denn das "Übereinkommen über die biologische Vielfalt", das mittlerweile fast alle Staaten der Erde unterschrieben haben, stellt eine Art Quadratur des Kreises dar: Es soll nicht nur regeln, wie die Artenvielfalt geschützt werden kann, sondern auch, wie sie sich vermarkten läßt - und dazu noch eine gerechte Verteilung des Profits sicherstellen. Denn die Biokonvention gesteht erstmals allen Staaten die Oberhoheit über ihre genetischen Ressourcen zu. Die Frage ist nur: Wie können artenreiche Länder wie Brasilien, Indien, Venezuela oder Bolivien ihren biologischen Schatz auf faire Weise mit den artenarmen (aber finanzkräftigen) Industrieländern teilen?

Symptomatisch für den Stand der Debatte war nun eine Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung. Beispielhaft demonstrierten dabei die eingeladenen Bundestagsabgeordneten, wie wichtig ihnen das Thema Biodiversität ist - sie glänzten (bis auf eine Ausnahme) durch Abwesenheit und stimmten über ihre Diätenerhöhung ab. Die anwesenden Experten hingegen tauschten vor allem Ratlosigkeit aus. Denn bislang ist lediglich ein einziges konkretes Beispiel für eine Kooperation zwischen einem biologisch reichen Entwickungsland und einem artenarmen Industrieland bekannt: der immer wieder zitierte Kontrakt des amerikanischen Pharmariesen Merck mit dem halbstaatlichen Instituto Nacional de Biodiversidad (INBio) in Costa Rica.

Für eine Million Dollar erwarb Merck dabei das Vorkaufsrecht an den genetischen Ressourcen des mittelamerikanischen Staates. Fünf Jahre lang darf nun der Arzneimittelkonzern als erster Proben aus Costa Ricas Natur auf gewinnbringende Wirkstoffe untersuchen. Bislang allerdings ist die Ausbeute bescheiden - und der Nutzen für Mercks Image durchaus zwiespältig. Während der Vertrag mit INBio von den einen als zukunftsweisende Partnerschaft zwischen Nord und Süd gefeiert wird, werfen andere dem Pharmakonzern vor, sich Costa Ricas Bioschätze für ein Taschengeld unter den Nagel zu reißen.

Doch Costa Rica ist weit, und die Probleme mit der Artenvielfalt scheinen in Deutschland nur wenige zu berühren - im Gegensatz offenbar zur Klimapolitik mit ihren dramatisch vermittelbaren Konsequenzen. Doch vielleicht erwacht ja in den nächsten vier Wochen noch das Interesse an diesem Globalthema. Wenn sich dann die Medienmaschine warmläuft, könnte für viele die erste Frage lauten: Wo liegt eigentlich Jakarta?