Schreckgespenst Währungsunion. Fast vier Jahre nach Unterzeichnung des Maastrichter Vertrages steckt das europäische Großprojekt in einer Vertrauenskrise. In Deutschland überwiegen nach wie vor die Pessimisten, die Befürworter sind in der Defensive. Alle Umfragen belegen seit langem in seltenem Einklang, daß eine alarmierend deutliche Mehrheit der Bevölkerung dem ehrgeizigen Vorhaben mißtrauisch bis ablehnend gegenübersteht. Und nun offenbart auch noch eine neue Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelstages (DIHT) ein bedrohliches Stimmungstief in der Wirtschaft.

Die Ergebnisse der Studie "Deutsche Unternehmen und Europäische Währung" - der Spitzenverband hat über 700 Unternehmensvertreter aus seinen angegliederten Ausschüssen befragt - sind überaus ernüchternd, schließlich sollen ja gerade die Betriebe und ihre Beschäftigten Nutznießer einer Euro-Währung sein. Aber lediglich 55 Prozent der Unternehmen halten es für wünschenswert, daß Anfang 1999 die dritte und damit letzte Stufe auf dem Weg zu einer einheitlichen Valuta beginnt. Immerhin vierzig Prozent der Betriebe sind schlichtweg dagegen. Schlimmer noch: Fast zwei Drittel der Maastricht-Befürworter betrachten es als "nicht wahrscheinlich", daß der vereinbarte Zeitplan eingehalten wird.

Die Argumente der Bedenkenträger zeigen Wirkung. Vor allem kleine und mittelständische Betriebe sind scharenweise im Lager der Kritiker zu finden. Je geringer die Zahl der Beschäftigten, desto höher die Zahl der Neinsager - diesen Zusammenhang zeigt die DIHT-Studie eindeutig auf. Ähnliche Erfahrungen hat auch Reinhard Kudiß vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) gemacht. "Es gibt eine starke Fraktion in der gewerblichen Wirtschaft, vor allem im Mittelstand, die dem Vorhaben recht reserviert gegenübersteht", schildert der BDI-Volkswirt die Stimmung.

Da ist es nicht verwunderlich, daß laut DIHT-Umfrage gerade einmal zwölf Prozent der befragten Unternehmen angefangen haben, sich auf eine Euro-Währung einzustellen. "Dabei ist seit Maastricht schon die Hälfte der Wegstrecke zurückgelegt, und die Wirtschaft sowie der Gesetzgeber stehen vor gewaltigen Vorbereitungsarbeiten", sagt DIHT-Wirtschaftsexperte Günter Albrecht. Sicherlich, die abwartende Haltung liegt teilweise in der Natur der Sache. Bisher ist noch unklar, wie die Währung heißen soll, welche Länder 1999 die wechselseitigen Wechselkurse unwiderruflich festzurren und die Zuständigkeit für ihre Geldpolitik der Europäischen Zentralbank übertragen. Nach heutigem Stand schaffen nur Luxemburg und Deutschland den Sprung über die Beitrittshürden, die sogenannten Konvergenzkriterien. Dahinter steht die ökonomische Einsicht, daß ein einheitlicher Währungsraum dauerhaft nur funktionieren kann, wenn in den Mitgliedsländern beim Eintritt annähernd gleiche Verhältnisse in puncto Staatsverschuldung, Teuerung und Zinsen herrschen. Realistische Chancen, das Klassenziel zu erreichen, haben noch die Niederlande, Österreich und Frankreich, ohne dessen sofortige Teilnahme eine Währungsunion undenkbar erscheint. Gute Voraussetzungen hätten noch Großbritannien und Dänemark, aber beide wollen nicht mitmachen.

Handelte es sich nur um eine Aufgabe in einem volkswirtschaftlichen Oberseminar, die Lösung wäre einfach. Beitrittswillige Länder wie Belgien, Irland, Italien, Spanien oder Portugal blieben außen vor und würden auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet. Nun ist die Währungsunion aber ein Experiment am lebenden Objekt, und damit ist der Prozeß dahin politisch und ökonomisch höchst fragil. Schwer genug ist es, sich dabei auf gemeinsame Spielregeln zu einigen. Noch schwieriger vermutlich, nationale Rivalitäten abzubauen, Erwartungen zu befriedigen, Erfahrungen zu berücksichtigen und Mentalitätsunterschiede auszugleichen. Eine Herkulesaufgabe für die europäischen Regierungen. Und da haben viele in der deutschen Wirtschaft ihre Zweifel, ob den Politikern ein solcher Drahtseilakt gelingen kann.

Während die einen nörgeln und abwarten, richtet sich eine Minderheit engagiert auf die Zukunft ein. Der Weltkonzern Siemens gehört mit zu den Pionieren. Seit Anfang des Jahres sitzen Experten des Hauses nicht selten bis spät in den Abend zusammen. Ihr Auftrag: Sie sollen die Belegschaft wachrütteln und fit machen für den großen Tag X. "Das geht unsere Mitarbeiter in fast allen Bereichen etwas an, vom Juristen über den EDV-Spezialisten bis hin zum Vertriebsleiter", resümiert Heinz-Joachim Neubürger, Direktor in der Münchner Siemens-Zentrale. Die interne Aufklärungskampagne trägt erste Früchte. Die Mitarbeiter sähen zunehmend ein, daß die Weichen heute gestellt werden müßten.

Im Finanzmanagement zum Beispiel ließen sich dank der Währungsunion schnell Kosten sparen. Sollten Paris und Bonn termingerecht aus den Startlöchern kommen, dann wären Währungssicherungsgeschäfte Mark-Franc nur noch bis 1999 notwendig. Den größten Gewinn einer Währungsunion sehen die meisten Unternehmen ohnehin im Wegfall tückischer Wechselkursschwankungen, die ihnen in den vergangenen Jahren so oft die Kalkulationen über den Haufen geworfen haben. Wichtig ist auch, daß grenzüberschreitende Transaktionen billiger und die Preise leichter vergleichbar werden.