Wenn Megaoperntenöre im Dreierpack auf Rennplätzen und in Riesenparks singen, dann ist das "Erlebnismusik", auf neudeutsch ein "Event". Soweit wird es im Jazz nicht kommen. Dafür ist seine Marktposition zu schwach. Aber Anflüge davon gibt es. Das Quintett des amerikanischen Tenorsaxophonisten Michael Brecker, bereits 1987 aufgenommen, war solch ein Königstreffen. Die Megastars und Solisten waren: Pat Metheny (Gitarre), Kenny Kirkland (Keyboards), Charlie Haden (Baß) und Jack de Johnette (Schlagzeug). (Impulse grp 01132 / Bezug über BMG Ariola.)

Du bist, was du hörst. In jungen Jahren hörte Brecker einige der Ikonen des modernen Jazz: Cannonball Adderly, Miles Davis, Clifford Brown und John Coltrane. Das hat ihn geprägt und Steve Schneider von der New York Times veranlaßt, sein Saxophonspiel "leuchtend, strahlend, weißglühend" zu nennen. Und zwar mit Recht. Es gibt offenbar keine technischen Klippen für diesen Musiker. Transzendenz zeichnet seine furiosen Improvisationen aus, alles fließt natürlich. Diese Musik kennt keine Staudämme. Die fünf US-Musiker sind zwischen 40 und 58 Jahre alt. Mithin einer Generation zuzurechnen, die mit einem Bein fest in der Tradition, mit dem anderen in der elektronischen Moderne steht. Sie sind keine Dogmatiker, aber im Kern doch Leute mit Swing. Er wolle "etwas Geheimnis" in seine Musik hineinpacken, sagt Brecker: "Etwas, was man mehr als einmal hören möchte." Es ist ihm gelungen, mit seiner CD die Wegwerfmentalität unserer Zeit zu umschiffen. Herausgekommen ist zwar kein Jahrhundertwerk, aber auch nicht etwas, was man gleich weiterverschenken möchte. Wir hören zufrieden so etwas wie sehr gutes Mittelfeld. Und die Basis des Jazz wird hörbar: Drive, eine galoppierende Improvisationslust und Disziplin in den Interaktionen der Band.

Das Brecker-Quintett lebt auch von seinen Gegensätzen. Da ist das scharfgestochene Saxophon eines Jazzvirtuosen, der wie ein Banker aussieht, da ist der "Weich-Ei"-Sound von Metheny, dem gealterten Beachboy mit der gemsenhaften Trittsicherheit im Sound. Da ist EWI, das Teufelsgerät von einem elektronischen Saxophon, mit seinen erschreckenden Akkord-Kaskaden. Schließlich ist da der väterliche Baß von Haden in einer dunklen Ballade.

Und wo ist das Taschentuch?

Michael Naura