Der Plan ist über zweieinhalb Jahre alt. Schon im Frühjahr 1993 war offensichtlich, daß der Frieden in Bosnien nur dann eine Chance hat, wenn er vor Rückschlägen durch eine militärisch handlungsfähige Truppe an Ort und Stelle geschützt werden kann: also nicht durch UN-, sondern Nato-Truppen. 50 000 Mann, die notfalls auch kämpfen müßten, wären dazu erforderlich, rechneten die Nato-Stäbe.

Da diese Soldaten alle vier bis sechs Monate abgelöst werden müssen, sind insgesamt 120 000 bis 150 000 Mann notwendig. Ohne die Mitwirkung der stärksten Armee in Westeuropa, der deutschen Bundeswehr, war diese Zahl schon 1993 nicht zu erreichen. Aber kaum einer in der Bundesregierung mochte sich dieser Realität stellen. Statt dessen hieß es im Chor: Deutsche Soldaten würden nicht auf den Balkan entsandt. Vor allem der Bundesverteidigungsminister wurde nicht müde, immer wieder zu warnen; öffentlich malte er gar aus, was geschehen könnte, wenn auch nur ein einziger deutscher Soldat in die Hände der Serben fiele.

Ob diese Position auf die Dauer zu halten sein würde, galt als hypothetische Frage. Jetzt wird sie akut. Zwar nicht der Frieden, aber ein Waffenstillstand und ein Friedensabkommen zwischen bosnischer Regierung, Kroaten und Serben könnten greifbar nahe sein. Und weil dies kein selbsttragender, sondern ein gefährdeter Waffenstillstand sein wird, kommt es entscheidend darauf an, daß die Truppen, die ihn notfalls durchsetzen sollen, bereitstehen.

Bonn muß also schnell handeln - und es hat keine andere Wahl, als bei dem Nato-Projekt mitzumachen. Im amerikanischen Kongreß, der die Teilnahme von 25 000 US-Soldaten an der "Peace Implementation Force" absegnen muß, steht die Zustimmung auf Messers Schneide; eine deutsche Weigerung, eigene Soldaten zu entsenden, könnte die amerikanische Beteiligung insgesamt hinfällig machen und damit das ganze Projekt. Vor allem aber hat die Bundesrepublik ein ureigenes Interesse an der baldigen Beendigung des Balkankrieges; dazu muß sie jetzt das Ihre tun.

Kanzler und Außenminister haben es bereits erkannt. Deutsche Truppen sollten, sagt Helmut Kohl, nicht ohne Zustimmung der Kriegsparteien wirken und gewiß nicht in vorderster Linie. Aber auch dahinter gibt es viel zu tun: Das rückwärtige Kommando in Kroatien aufzubauen, wo die Bundeswehr bereits ein Feldlazarett unterhält, Versorgungs-, Transport- und Pioniertruppen stellen. 2000 bis 3000 Mann, schätzen Experten in Bonn und New York, wären dafür erforderlich.

Aber damit würden zum ersten Mal Bodentruppen der Bundeswehr auf den Balkan geschickt. Vor der Tornado-Entscheidung im vergangenen Juni hatte Klaus Kinkel im Bundestag erklärt, damit werde "politisches Neuland betreten". Auch dieser neue, vom Bundestag noch zu billigende Schritt wird manchem wie eine weitere unerwünschte Premiere erscheinen, ein Herabrutschen auf abschüssiger Bahn.

Aber dieser Eindruck ist weniger das Produkt der Wirklichkeit als vielmehr der Art und Weise, wie die deutsche Politik mit ihr umgegangen ist. Immer wieder haben die Politiker Linien im Sand gezogen, jeden neuen Schritt als den allerletzten präsentiert. Der Wind der Ereignisse hat die Linien noch stets verweht. Das "politische Neuland" wurde bereits mit der grundsätzlichen Entscheidung betreten, deutsche Soldaten außerhalb des Bündnisgebietes einzusetzen. Alles andere sind und bleiben Opportunitätserwägungen.