BOCHUM. - Die Idee klingt plausibel: Statt wertvolle Grünflächen zu opfern, um neue Gewerbegebiete zu erschließen, wäre es doch vernünftig, brachliegende Industrieareale zu sanieren und sie so wieder nutzbar zu machen. Ein "Instrument umweltverträglicher Wirtschaftspolitik" nennt das die Bochumer BSR - Bodensanierung und Recycling GmbH. Ein lukratives Geschäft wäre es außerdem, zumal im flächendeckend verseuchten Ruhrgebiet.

Allein in Bochum gebe es 320 Altlastenflächen, sagt der Leiter des Umweltamts, Gerhard Zielinsky. Davon seien erst 125 untersucht und bislang nur 30 saniert oder "gesichert", das heißt, so abgedichtet, daß die Schadstoffe sich nicht weiter ausbreiten können. In Gerthe, wo fast ein Jahrhundert lang die Zeche Lothringen in Betrieb war, sei "im Prinzip der ganze Stadtteil 'ne Altlast", meint die Fraktionssprecherin der Grünen im Rat, Cornelia Borgmann.

Im Grunde müßten daher alle froh darüber sein, daß die BSR ein "Bodensanierungszentrum" in der Stadt bauen will. Zunächst ist eine "thermische Anlage" vorgesehen, bei der die Schadstoffe verbrannt werden. Eine Reinigungsart, wie die BSR erläutert, die sich besonders für die im Ruhrgebiet typischen Kohlenwasserstoffverbindungen eignet. Später sollen noch eine Bodenwaschanlage (für Schwermetalle) und eine mikrobiologische Anlage (für Ölverunreinigungen) dazukommen.

Doch niemand will das "Bodensanierungszentrum" so recht haben. "Es wäre ja 'ne gute Sache, wenn die Böden wirklich sauber würden", sagt Grünen-Politikerin Borgmann. Aber was da am Ende rauskomme, sei "verbrannte Erde", eine Art "Schlacke", ohne Leben, allenfalls noch für den Straßenbau zu gebrauchen. Und Schwermetalle könnten in dem thermischen Verfahren gar nicht beseitigt werden. Das stimme, bestätigt Projektleiter Ulrich Törk von der BSR. Aber "der schwarze Stoff" könne "revitalisiert" werden. Mit etwas Kompost oder Dünger werde er "bald wieder lebendig".

Mehr noch als das fragwürdige Endprodukt stößt die Anlage selbst auf Widerstand. Die "Bürgerinitiative Giftverbrennungsanlage" hält bereits die Anlieferung der Altlasten für eine Gefahr, denn sie würden "ausgasen". Da die Gifterde per Lkw herangekarrt werde, nähmen außerdem die Verkehrsbelastungen und die Autoabgase zu. Und schon der ganz normale Betrieb des Sanierungszentrums stelle eine Gefährdung dar; denn selbst die gefilterte Abluft, die dem Schornstein entweicht, enthalte immer noch Schadstoffe. Schließlich seien auch Störfälle denkbar, bei denen die anfallenden Gifte - darunter Dioxine und Furane - ins Freie gelangen können.

Dies alles wiege um so schwerer, als die Anlage mitten in der Stadt, auf einem ehemaligen Krupp-Gelände, gebaut werden soll. Unmittelbar daneben erstreckt sich eine Kleingartenkolonie. Nur 400 Meter entfernt steht eine der größten Kliniken der Region, das Krankenhaus Bergmannsheil. In einem Radius von 700 Metern liegen zudem acht Schulen und ebenso viele Kindergärten, hat die Bürgerinitiative errechnet; und die Bochumer Innenstadt ist ebenfalls nicht weit.

Ein toxikologisches Gutachten, im Rahmen des Genehmigungsverfahrens gefertigt, war zwar zu dem Schluß gelangt, daß bei einem Störfall "von einer akuten gesundheitlichen Gefährdung der Bevölkerung insgesamt . . . nicht ausgegangen werden" müsse. Aber "vorgeschädigte Personen" wie etwa Asthmatiker sollten bei einem Unfall "aus dem Gefahrenbereich evakuiert" werden - und zwar innerhalb von fünfzehn Minuten; außerdem seien für diese Menschen "Medikamente vorzuhalten". Und für die Kleingärtner neben der Verbrennungsanlage sollten Busse bereitgestellt werden. Umweltamtsleiter Zielinsky fragt sich, wie die "vorgeschädigten Personen" im Ernstfall ermittelt und aus der Gefahrenzone gebracht werden sollen.

Der Umweltausschuß des Rats beschloß daher kürzlich einstimmig, Widerspruch gegen die im Juli erteilte Genehmigung der Anlage einzulegen. Die BSR soll, fordert die Stadt, einen "Alarm- und Gefahrenabwehrplan" ausarbeiten, bevor sie mit dem Bau beginnt.

Bei der BSR hält man die Aufregung für übertrieben. Alle denkbaren Störfälle, sagt Projektleiter Törk, seien auszuschließen. Der "Gefahrenabwehrplan" beziehe sich also nur auf undenkbare Störfälle; er nennt sie "Dennoch-Störfälle". Törk: "Wenn zum Beispiel 'ne Bombe in die Anlage reinfiele." Und selbst dann seien "normale Bürger" nicht gefährdet, sondern nur jene "vorgeschädigten" Personen. Daß die Arbeiter in der Bodenreinigungsanlage Einmal-Overalls tragen und sich beim Betreten und Verlassen des Geländes in einer Sicherheitsschleuse duschen müssen, daß die Lkw vor dem Hinausfahren gewaschen werden und der Giftboden auf dem Betriebsareal in geschlossenen Boxen gelagert werde - das alles seien nur Vorsichtsmaßnahmen und keine Indizien für reale Gefahren, meint der Projektleiter.

Während SPD und CDU lediglich beim "Gefahrenabwehrplan" Nachbesserung verlangen, sind die Grünen grundsätzlich gegen die Anlage. Sie befürchten, daß damit ein bundesweiter Giftmülltourismus in Gang kommt. Ursprünglich sollten in dem Sanierungszentrum nur die Böden des Ruhrgebiets gereinigt werden. Davon ist mittlerweile jedoch nicht mehr die Rede. Da der öffentlichen Hand, die in der Regel heute auf den verseuchten Flächen sitzt, das Geld für solche aufwendigen Sanierungen fehlt, werde die BSR vergiftetes Erdreich auch von weiter her heranschaffen, um die Anlage rentabel zu machen, befürchtet Cornelia Borgmann von den Grünen. Projektleiter Törk bestreitet das nicht: "Es kann durchaus der Fall sein, daß wir auch aus anderen Regionen Erde holen."

Daß aber die Altlasten der Republik ausgerechnet im Revier saniert werden sollen, wo die sogenannte "Grundbelastung" ohnehin am höchsten ist, hält Cornelia Borgmann für eine Zumutung. Doch prozentual gesehen, so werde argumentiert, sei hier die "Mehrbelastung" durch die Anlage am geringsten.