Alles, wirklich alles spricht im Augenblick gegen ein Kinoprogramm im Internet. Während das Fernsehen mit hochauflösenden HDTV-Bildern der Kinoqualität schon recht nahekommt, kann im Netz gerade in den Abendstunden die Übertragungsgeschwindigkeit erbärmlich sinken. Da kommen dann in der Minute vielleicht noch sieben, acht Bilder von Briefmarkengröße durch. Solche technischen Handicaps rühren den New Yorker Filmemacher David Blair jedoch wenig. Bereits 1993 installierte er den ersten Film im World Wide Web, und seither kann, wer immer das will, per Mausklick den Vorhang aufziehen für das langsamste Kinoerlebnis aller Zeiten: für Blairs digitales Videoabenteuer "WAX or the discovery of television among the bees" (http://bug.village.virginia.edu).

Der Film handelt von einem Bienenzüchter, gespielt von David Blair persönlich. Mit traurigen Augen starrt er in die weite Wüste von Neu-Mexiko. Am Himmel zockeln Düsenflugzeuge dahin, Bienenflügel schlagen ruckartig in Zeitlupe, Ufos wackeln verloren über den Wüstensand. Doch obwohl wahrlich genügend Zeit zum Betrachten ist, geht der Handlungsfaden sofort verloren, die Orientierung wenig später. Nicht nur, daß die Fabel höchst vertrackt ist, der Meister hat auch sonst keine Komplikationen gescheut: Seine 85 Filmminuten hat er in 3000 Schnipsel zerlegt, 5000 Standphotos kamen hinzu sowie drehbuchartige Texte aller Art, 25 000 an der Zahl und allesamt über Hyperlinks miteinander verknüpft, nicht zu vergessen den Soundtrack, der wahlweise in Englisch, Französisch, Japanisch oder Deutsch zur Verfügung steht.

Zwecklos, nach einem Anfang oder gar einem Ende zu suchen. Die Unzahl von Wahlmöglichkeiten garantiert, daß man sich heillos verläuft zwischen all den Bienenemblemen, Sternbildern und Textpartikeln. Zwar gibt es eine Schalterleiste, mit der man den Film kursorisch durcheilen kann; aber gerät man erst einmal ins Labyrinth der Querverweise, ins Wax Web, wie es heißt, ist es um einen geschehen.

Der Film selbst wird immer nur in Ausschnitten sichtbar; in der Regel hat man Text von Augen, ergänzt durch kleine Bilder, die sich zu kurzen Filmen öffnen, sobald man sie anklickt. So kann man bereits mit einer gewöhnlichen World-Wide-Web-Software durch die Geschichte der Bienen navigieren. Wer den Film aber je in seiner ganzen Verzweigtheit ansehen wollte, würde drei Wochen brauchen, sagt Blair, "ohne Schlaf". Das sagt er nicht aus Stolz, sondern mit milder Nachsicht: "Alles zu sehen, das wäre, als wollte jemand versuchen, nur weil er ein Auto hat, sämtliche Straßen der Welt zu befahren."

Bedenkt man, daß es sich hier auch noch um ein Auto handelt, das kaum vom Fleck kommt, mag man sich fragen, warum David Blair dennoch von der Computerfirma Sun Microsystems unermüdlich gefördert wird, warum er überdies als ein gefragter Redner auf zahllosen Tagungen zwischen Toronto und Tokio zirkuliert.

Jüngst feierte ihn gar die New York Times als einen Pionier des World Wide Web: "Während Giganten wie AT&T und Time Warner großspurige Versprechungen zum interaktiven Fernsehen machen, zeigt Blair mit einfachen Mitteln das jeweils tatsächlich Machbare." Auch das New Yorker Medienfeuilleton Variety war angetan: "David Blair hat nicht nur den ersten Film via Internet gesendet, sondern das überhaupt erste wirklich interaktive Feature im Web eröffnet."

David Blair ist ein Star in der Computergemeinde. Nicht zuletzt, weil alles, was auf dem Web nur denkbar scheint, als erstes an seinen Bienen getestet wird. Sie haben nun einmal den Vorzug, daß sie schon zur Hand sind. Vor wenigen Monaten wurde zum Beispiel erstmals digitales Geld durchs Netz übermittelt, und natürlich an der virtuellen Kasse von Blairs Computerkino.