Die stämmige Feder
In Sichtweite des Martello Tower, in dem James Joyce gewohnt hat, steht in einer Straße am Meer ein viktorianisches Haus mit bescheidenem Vorgarten und hoher Fassade, die hinter wucherndem Wein fast verschwindet. Wenn die Tür sich öffnet, könnte man einen Moment lang glauben, der Eingang zu einer Erdhöhle tue sich auf, ein Verdacht, den das trollhafte Aussehen des Hausherrn, sein unbändiges weißes Haar, die hinter einer Halbbrille mißtrauisch blickenden Augen und die dröhnende Stimme nicht recht widerlegen wollen. Doch der Eindruck täuscht: Nichts ist so, wie es der erste Blick scheinen lassen will.
Seamus Heaney lebt seit 1972 in diesem Haus in Sandycove in Dublin. Bis 1961 hat er an der Queen's University in Belfast studiert, sein Lehrexamen abgelegt, in Ballymurphy unterrichtet und ein Jahr in Berkeley an der University of California verbracht. Geboren aber wurde er in Mossbawn, einem Dorf der Grafschaft Derry in Nordirland.
"Between my finger and my thumb / The squat pen rests, snug as a gun", lauten die ersten Verse im ersten Gedichtband, die deutsch mit: "Zwischen Finger und Daumen / Halte ich die stämmige Feder, sturmklar wie ein Gewehr" nicht nur ungeschickt übersetzt sind, sondern auch das eigentliche Bild eines jungen Dichters nicht wiedergeben, der herausfordernd die Bühne der Öffentlichkeit betritt. Aber schon in den nächsten Zeilen taucht jenes Thema auf, das wie kaum ein anderes seine Lyrik durchzieht. Vor dem Fenster beobachtet er seinen Vater, der den Garten umgräbt, denkt daran, wie der Großvater mit dem Spaten Torf stach, und sieht sich - ein naheliegendes Bild - mit anderem Werkzeug ihre Arbeit fortsetzen: "Between my finger and my thumb / The squat pen rests. / I'll dig with it." - "Zwischen Finger und Daumen / Halte ich die stämmige Feder / Damit werde ich graben."
Das Werk Seamus Heaneys, Essays wie Lyrik, wurde weltweit in fünfzehn Sprachen übersetzt, für seinen Verlag Faber & Faber zählt er zu den Bestsellerautoren, und seine Gedichte gehören seit vielen Jahren zur Pflichtlektüre an den Schulen Englands und Amerikas. In seinen frühen Gedichtbänden findet sich seine zugänglichste Lyrik. Man könnte meinen, die Gemälde holländischer Maler vor sich zu haben. Ein Bilderhort der verlorenen Welt bäuerlicher Kindheit, Erinnerungen an aussterbendes Handwerk, doch jedes Gedicht reflektiert den Schreibprozeß, der zu seiner Entstehung führte. Der Bauer pflügt Furche um Furche in seinen Acker, wie der Dichter sein Blatt Zeile um Zeile füllt; der Wünschelrutengänger schreitet wie der Dichter das Terrain ab, sucht, fühlt und horcht, wartet geduldig, bis sich die richtige Stelle, das richtige Bild findet.
Wie Joyce auf Dublin konzentriert Heaney seinen Blick auf den elterlichen Hof, die Familie, das Dorf, bis das scheinbar Zufällige, Individuelle allgemeine Bedeutung gewinnt, Mossbawn zum Spiegel des großen Ganzen wird, pars pro toto. In Deutschland meint man bei derlei Bildern betonen zu müssen, daß hier keine Heimattümelei betrieben wird, Blut und Boden sich nicht vermengen, dabei liegt dieser Gedanke in Irland eher fern. Gerade auf katholischer Seite verbindet sich seit vielen Generationen der Nationalismus mit dem Revolutionären, und so ist auch die Natur nicht idyllisch, sondern sie gärt, schwelt, fault und wuchert. Wie eine Ratte in ein Brunnenloch springt und den stillen Wasserspiegel zerplatzen läßt, bricht Gewalt in Heaneys Reime ein. Frösche gleichen plötzlich Schlammgranaten, Forellen stehen wie Gewehrläufe im Wasser.
Heaney wuchs als Katholik auf. Als er in Belfast studierte, gestand das Wahlrecht noch lange nicht jedem Bürger eine Stimme zu, bekamen Katholiken kaum Arbeit, lebten sie wie Menschen zweiter Klasse. Diesem Konflikt konnte sich niemand entziehen; wer den Mund aufmachte, bezog Partei, denn der Akzent, der eigene Name verrieten sofort, welcher Seite man angehörte.
Seamus Heaney hat in diesem Konflikt oft Stellung bezogen und trotzdem der Versuchung widerstanden, sich vereinnahmen zu lassen. Lange vor den Politikern begriff er, daß zu den Ursachen der Gewalt auch ein Kommunikationsproblem gehört. Den verschiedenen Kulturen, die sich hinter Begriffspaaren wie Katholik und Protestant, Croppie und Prod, Täter und Opfer verbergen, fehlt es an Übersetzern, die in offener Analyse die geschichtlichen Formierungsprozesse aufdecken und begreiflich machen. "Ich mache einen Reim, / Um mich zu sehen, ein Echo zu rufen in der Nacht", schreibt Heaney, doch dient der Reim nicht allein der privaten, sondern auch der exemplarischen Selbsterkundung. Auch deshalb wurde Heaney mit dem Nobelpreis geehrt. Um sprechen zu können, hat er sich allerdings seinen Ort, sein Irland erst neu erschaffen müssen, hat mit seinen Gedichten einen Raum abstecken müssen, von dem aus es sich sprechen läßt. In diesem Heimatland der Imagination liegt sein omphalos, sein Nabel der Welt. Ackerboden, Torf, Schlick, Schlamm, Moor und Meer werden mit einem Klangfeld umwoben, lautmalerisch nachgeformt und in Bilder gesetzt.
- Datum 13.10.1995 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 42/1995
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren