Wir waren nicht so naiv, "die Lösung" zu finden, das "einzig Wahre". Aber wir haben uns zu hoffen erlaubt, einen Hinweis dafür zu erhalten, wie ein Gebäude aussehen könnte, das an Stelle von Schinkels berühmter, unaufhörlich beschworener Bauakademie in Berlin errichtet werden könnte. Deswegen hatten wir (im ZEITmagazin Nr. 27 vom 30. Juni) die Architekten zu einem Ideenwettstreit darüber eingeladen. Da es momentan auch nicht die kleinste Aussicht gibt, daß der eine oder andere Vorschlag tatsächlich auch gebaut wird, haben wir ihn ein ernsthaftes Spiel genannt.

Deshalb ist es nicht nur tröstlich, sondern sehr imponierend, daß sich so viele Architekten haben herausfordern lassen, "in Schinkels Geist" zu entwerfen, sich zugleich jedoch von ihm frei zu machen und nach Kräften etwas Neues zu finden, das die Gegenwart ausdrücke und zugleich in die Zukunft weise.

Über 700 Architekten erbaten sich die kargen Plan-Unterlagen, 225 haben einen Entwurf eingesandt. Erstaunlich ist freilich nicht nur diese überwältigend große Zahl der Teilnehmer, die sich auf dieses Zeit und Kraft verschleißende Abenteuer eingelassen haben, sondern auch das offenbare Vergnügen, das viele von ihnen in Briefen und am Telephon bekannt haben.

Wir hatten ja nicht glauben wollen, daß unseren Architekten die Courage fehlt, es mit ihrem Säulenheiligen aufzunehmen. Es ging um seine ehemalige Bauakademie in Berlin, die zu rekonstruieren es seit langem ein merkwürdig stilles Übereinkommen gibt: Wenn schon nicht das gewaltige Schloß, dann wenigstens dieses kubusförmige backsteinrote Gebäude, das nüchternste, radikalste, modernste, das Schinkel je entworfen hat. Es war sein letzter Bau.

Wahrscheinlich gibt es auch keinen Ort in Berlin, der, so klein er auch ist, als so bedeutend empfunden wird wie das lange schmale Dreieck mitten in der historischen Mitte der Stadt. Es erstreckt sich von der Schleusen- bis zur Schloßbrücke Unter den Linden, seine Spitze zielt auf das ehemalige Zeughaus (mit dem Deutschen Historischen Museum). Hier hatte Schinkels Bauakademie gestanden. Und sobald das Außenministerium der DDR, dem sie 1961 hatte weichen müssen (obwohl schon mit der Wiederherstellung ihrer wohlerhaltenen Ruine begonnen worden war), abgerissen sein wird, soll sie nun also zum zweitenmal errichtet werden - am selben Ort, als nachgebaute und nachempfundene Replik.

Das, fanden wir, wäre die simpelste Methode, eine aus dem Blick beseitigte Vergangenheit neu zu beschwören. Die selbstbewußtere wäre, an diesem bedeutenden Ort nicht einfach Schinkel zu wiederholen, sondern statt dessen seinen Vorsatz zu beherzigen, daß Geschichte "nur unsere Schule" sein könne, denn: "Die Form für die Gegenwart kann nur in der Gegenwart geboren werden." Man könnte die Devise als die Pflicht verstehen, eine neue, zeitgenössische, in die Zukunft weisende Architektur aufzuführen - wenngleich eine im Geiste Schinkels.

Wie schwierig das ist, hat nun der Ideenwettstreit gezeigt. Und so hielten sich die meisten Teilnehmer an die Schinkelsche Baufigur und ihre wunderbaren Maße, oft auch an die proportionale Gliederung des Baukörpers. Die Jury (darin Günter Behnisch, Jonas Geist, Adolf Krischanitz, Karljosef Schattner) hat zehn Arbeiten ausgewählt, in denen sich, wie sie glaubt, die Vielfältigkeit der Anstrengungen am eindrucksvollsten spiegelt. Verfasser sind diese Architekten: Baugruppe Architekten (Bern), Beatrix Baltabol und Maren Klapp (Offenbach), Jochen Eisentraut (Berlin), Gabriele Harder (Stuttgart), Sabine Hebert (Berlin), A. Keller (Offenburg), F. Reczek (Berlin), Barbara Schlei (c/o Busse & Partner, München), Georg Windeck (Berlin) und Christoph Wilms (Braunschweig). Wir gratulieren!