Es ist die letzte Gelegenheit, die ich habe, Gerd Bucerius zu danken. Ich käme mir stumpf und gemein vor, wenn ich sie versäumte.

Bald nach dem Beginn meiner Arbeit am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, 1972, gehörte er zu den Gründern einer "Gesellschaft der Freunde des Schauspielhauses". Er wurde aktiv (vermute ich), nicht weil ihn Theater allzusehr mitriß - sondern weil ihn die Schlachtfeste, die von der Monopolpresse und Lokalpolitik jahrelang auf Kosten dieses Theaters gefeiert wurden, moralisch ärgerten. (Niemand konnte gerechter aufbrausen als er.) In den Niederlagen der wundgeprügelten Kunst (schon Hans Lietzaus, Fritz Kortners) gegen eine metzgerhafte Provinzroheit wuchs das Theater aus einer bloßen Spiegelung von Wirklichkeiten (die ihn ziemlich kaltließ) zu einem Kampffeld in der Wirklichkeit: Herausforderung für Bucerius' Anstand, Fairneß - für seinen Abscheu vor politischer Verstocktheit und publizistischem Machtmißbrauch.

Ich konnte zu ihm gehen, sooft ich Geld brauchte für ein Gastspiel Peter Brooks', Giorgio Strehlers - erst recht für die Entdeckung des jungen, unbekannten Robert Wilson oder des "Squat Theater". Er gab nicht nur, er nannte die nützlichsten Adressen. Er reagierte auch, wenn es um eigene Pläne des Schauspielhauses ging: mit Ungeduld, falls er in ihnen Kompromisse witterte, mit schnellem, praktischem Beistand, sooft er Neuerung und Courage spürte. - Für den Nachmittag nach der Premiere von Zadeks (im voraus wütend angefeindeter) "Othello"-Inszenierung hatte er, prophylaktisch, zum Pressegespräch der "Freunde des Schauspielhauses" in seine Wohnung geladen.

So leer habe ich die legendären Räume am Leinpfad weder zuvor noch danach gesehen. Keiner kam aus dem politischen Establishment, das sich Plätze im Vorstand des Vereins gesichert hatte - fern blieben die Bild- und Welt-Guillotinisten, die sonst ein Jahr ihres Lebens hergegeben hätten, um Bucerius' Wohnung betreten zu dürfen.

Das kulturschänderische Pack muß weg. Das stand für "tout Hamburg" zwei Tage lang fest - bis dann die überregionale Kritik Zadeks wild-raffiniertes Meisterwerk lobte, feierte. Von Gerd Bucerius erfuhr ich aber an jenem Nachmittag so viel unsentimentale Festigkeit, Ermutigung (als Sachlichkeit getarnte Güte) wie kaum von einem anderen in meinem Leben.

Sooft wir uns später sahen, duldete er keinen Dank dafür. Jetzt kann er mich am Dank - leider - nicht mehr hindern.

Ivan Nagel, Berlin