Manfred Sack: "Verzicht auf Baukunst", ZEIT Nr. 40

Alle Sacksche Kritik geht ins Leere. Sagt er es nicht selbst? Wie er den Hamburger Senat zitiert, gilt: "Es hätte schlimmer kommen können." Woran Sack verzweifelt, ist eigentlich und überhaupt nur der Stoß Greves und des Hamburger Senats gegen die Phalanx der etablierten Architekturproduzenten und der auf sie eingeschworenen Kritikerschar.

Othmar Andrée, Berlin

Es gibt eine lebhafte Architekturkritik in der Hansestadt. Das ist gut so; weniger gut ist, daß sich diese Kritik (fast) ausschließlich mit einem Bauwerk beschäftigt, dessen Entstehungsbedingungen allerdings ungewöhnlich sind: den geplanten Flügelbauten am Hauptgebäude der Hamburger Universität, die das Ehepaar Greve der Universität zum Geschenk gemacht hat.

Der erste, übrigens nicht aus dem Büro Greve kommende, Entwurf hatte zugegebenermaßen Schwächen und Ungereimtheiten; der zweite, jetzt vorliegende, hat enorm gewonnen. Der Kritiker ist nicht bereit, diese positive Entwicklung, die ja unter anderem auch durch seine Interventionen mit ausgelöst wurde, anzuerkennen. Es ist ihm auch schwer recht zu machen. Fand er die Flügelbauten zunächst in keinem rechten Verhältnis zum Hauptgebäude, dann sind sie ihm nun zu sehr angeglichen. Überhaupt das Hauptgebäude von 1911: Dem Ortsunkundigen wird suggeriert, daß es sich sowohl um ein architektonisches Juwel als auch um einen urbanistischen Schlüsselbau handelt - Sack spricht von "stadtbildprägender Signifikanz". Beides geht an der Realität vorbei. Der Bau ist liebenswert, eine späthistorische Possierlichkeit, die mehr Schwachpunkte aufzuweisen hat als der übelbeleumundete erste Entwurf der Flügelbauten.

Sack ist an seinem Wohnort das, was er anderen vorwirft, Parteigänger von Interessenten. Er schreibt einerseits, es gäbe in Hamburg keine Baukultur, macht sich aber andererseits zum Sprachrohr der Architektenkammer, die jene Unkultur weitgehend verantwortet. Der Autor hat die Kunsthistoriker, die er zitiert, nicht gefragt; er hat sich nicht (wie Greve es getan hat) die Baracken der Juristen oder die Kellerexistenz der Studenten an der Moorweidenstraße angesehen; er weiß auch nicht, daß alle beteiligten Fächer über Monate hin über ihren Bedarf beraten haben, der von Greve auch berücksichtigt wurde. Die Flügelbauten werden schöner als alle zeitgenössischen umliegenden Bauten, die zum Teil wie das schreckliche Wiso-Gebäude der Universität nach Wettbewerb und allesamt ohne Einspruch des mutigen Autors errichtet wurden.

Prof. Dr. Martin Warnke und Prof. Dr. Wolfgang Kemp (Kunstgeschichtliches Seminar), Universität Hamburg