Noch ist die Staubwolke am Horizont kaum zu erkennen. Im flirrenden Licht der Mittagssonne verschwimmt das Ende der Schotterpiste mit den Schemen des Gebirges. "Besuch", sagt Don, schiebt sich gemächlich aus seinem Stuhl im Schatten der Veranda, dreht das schwere Holzschild vor seinem Kramladen von closed auf open, heftet sich den Sheriffstern an und setzt den Cowboyhut auf das angegraute Haar. "Man kann nie wissen", sagt Don, "manchmal kommen Touristen." Und wenn dann tatsächlich ein verschwitztes Pärchen aus Germany aus dem Auto steigt, leitet Don das Verkaufsgespräch mit einer Floskel ein, die selten ihre Wirkung verfehlt: "Hi, my name is Don Conolly. I am the Sheriff here."

Wie alle von Dons Geschichten ist auch diese nicht ganz gelogen. Wahr ist, daß es in Ballarat, im hintersten Kalifornien, niemanden gibt, der ihm den Sheriff-Rang streitig machen könnte. Die übrigen 27 Einwohner der Geisterstadt liegen schon lange unter der Erde.

Der Friedhof, einige halbverfallene Lehmbauten und ein paar Bretterhütten sind so ziemlich das einzige, was Ballarat an Sehenswürdigkeiten zu bieten hat. Und dann gibt es natürlich Dons Laden, dessen Sortiment von Ölsardinenbüchsen über Petroleumlampen und Andenkenpostkarten bis hin zu sandzerfrästen leeren Bierflaschen reicht, die Don in der Wüste aufliest und als Antiquitäten verscherbelt.

Vor hundert Jahren sah die Zukunft von Ballarat noch vielversprechend aus. Die Stadt wurde gegründet, als im Panamint Valley, dem Nachbartal des Death Valley, Gold entdeckt wurde. Maultierkarawanen brachten von hier das kostbare Erz zur nächsten Eisenbahnstation nach Mojave, 120 Kilometer entfernt. Während seiner kurzen Blütezeit zählte Ballarat 500 Einwohner, zwei General Stores, sieben Saloons, zwei Bordelle, eine Schule und ein Postamt. Das schloß 1917 für immer seine Schalter, als die Goldvorkommen erschöpft waren. Seitdem ist es im einzigen Ort des sechzig Kilometer langen Panamint Valley ziemlich ruhig geworden, erschreckend ruhig für jemanden, der aus Deutschland kommt.

Nichts außer den kahlen Bergen bietet dem Auge Halt, wenn man von Los Angeles diese Abkürzung ins Death Valley, ins Tal des Todes, fährt. Kurz hinter Trona, einer öden Kleinstadt, die von den Mineralvorkommen eines ausgetrockneten Salzsees lebt, enden selbst die verblichenen Holzmasten der Stromleitung. Kein Gegenverkehr lenkt von der Einsamkeit ab, die letzte traurige mexikanische Ballade im einzigen Mittelwellensender, den das Autoradio noch empfangen kann, erstirbt im Rauschen. Der flimmernde Asphalt des Highway 178 führt schnurgerade ins Nichts.

Dabei ist die Ödnis nicht weniger spektakulär als im benachbarten Death Valley, das Jahr für Jahr Millionen von Besuchern anzieht. Aus dem kargen Wüstental, in dem die Temperaturen im Sommer auf schweißtreibende 45 Grad ansteigen, ragen bis zu 3300 Meter hohe Bergkämme auf, die in allen Schattierungen zwischen Ocker und Rot leuchten. Dahinter erscheinen die über hundert Kilometer entfernten Gipfel der Sierra Nevada in der klaren Luft unwirklich nah. Doch anders als im Tal des Todes gibt es im Panamint Valley keine gut ausgebaute Infrastruktur mit Tankstellen, Rastplätzen und schattigen Motels. Dafür muß man sich hier nicht die Illusion von perfekter Abgeschiedenheit mit Tausenden weiterer Touristen teilen.

Don hätte sich für seinen Laden keinen ungünstigeren Standort aussuchen können. Im gesamten Panamint Valley leben lediglich neun Menschen, allesamt Goldgräber. Und die decken sich im sechzig Kilometer entfernten Ridgecrest mit Proviant ein. Alle vier bis sechs Wochen rumpeln sie in ihren Pick-ups aus den zerklüfteten Seitentälern herunter. Dann machen sie bei Don halt, kippen auf seiner Veranda immerhin zwei, drei Dosen Bier, die Don aus der generatorgetriebenen Tiefkühltruhe fischt, und erzählen sich Lügengeschichten von ertragreichen Goldadern und Traumfrauen, die sie bei ihrem letzten Besuch in der Stadt kennengelernt haben wollen.