In Paris ist ein neues Gesellschaftsspiel en vogue. Es heißt: "Aus fünf mach drei!" Die französische Regierung hat sich das Ziel gesetzt, das Staatsdefizit von heute über fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf drei Prozent zu kürzen. Das ist der magische Satz, der zur Teilnahme an der Europäischen Währungsunion von 1999 an berechtigt. Daß die Regierung das will, beteuert sie unermüdlich. Daß sie es mit eisernem Willen schaffen kann, daran lassen die Experten keinen Zweifel. Aber auch darüber herrscht Einigkeit: Welchen Weg Paris auch wählt, der Abgrund ist nie weit.

Einen Vorgeschmack gab es vorige Woche. Da war der öffentliche Dienst, von der Metro bis zur Eisenbahn, von den Postschaltern bis zu den Klassenzimmern, einen Tag lang lahmgelegt. Und ob es nun (wie die Polizei sagt) 22 000 Demonstranten oder (so die Gewerkschaften) fünfmal so viele waren, die durch die Straßen von Paris zogen: Eine so mächtige Protestbewegung hatte das Land seit fünfzehn Jahren nicht mehr erlebt. Die Staatsdiener wehrten sich dagegen, daß ihnen die Regierung für 1996 eine Nullrunde bei den Gehältern zumutet - und das ausgerechnet wegen der Dreiprozentregel von Maastricht.

Bei einer seriösen Rechnung, die Gemeinden und Sozialversicherung einschließt, macht das Defizit des Staatssektors heute 5,2 Prozent des BIP aus. Bis Anfang 1998 hätte Paris Zeit, um die Lücke auf drei Prozent zu reduzieren, dann wird in Europa Bilanz gezogen. Aber viel ist der Regierung dafür bisher noch nicht eingefallen - lediglich die Erhöhung der Mehrwertsteuer und diverser Abgaben. Mit anderen Worten: Die Regierung kann sich zu nichts entschließen, außer zum Griff in den Geldbeutel der kleinen Leute.

Dabei kommt das dicke Ende erst noch, sofern es die Regierung mit ihren Deklarationen ernst meint. Dann blüht den Franzosen wohl das, was die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrem jüngsten Frankreich-Bericht empfahl: Das Dreiprozentkriterium sei nur dann zu erreichen, "wenn große Ausgabenblöcke beschnitten werden, das heißt Beamtengehälter und Sozialausgaben".

Die Gewerkschaften laufen dagegen Sturm. "Für die Verringerung der Defizite werden vor allem die Arbeitnehmer zur Kasse gebeten", schimpft Jean-Claude Mailly von der Gewerkschaft Force Ouvrière (FO), der treibenden Kraft hinter dem jüngsten Streik. Ihn stört, daß damit auch Europa in Mißkredit gerät, aber "letztlich sagen die Arbeitnehmer: Europa muß uns etwas bringen". Verständlicherweise ist ihre Europabegeisterung nicht so groß, daß sie die Schröpfkur klaglos hinnehmen. Eurowährung oder sozialer Friede - das ist für viele die Alternative.

Unsinn, hält Jean-Paul Fitoussi, Chef des angesehenen Wirtschaftsforschungsinstituts OFCE, dagegen und rechnet vor, daß Frankreich mit der heutigen Politik bis 1997 das öffentliche Defizit locker auf annähernd drei Prozent drücken kann. Nur zwei Voraussetzungen hält er für unerläßlich: reichliche Steuereinnahmen dank eines kräftigen Wachstums und Ruhe an den Devisenmärkten. Und da fangen die Probleme an.

"Was man", so heißt es im jüngsten OFCE-Brief, "vor ein paar Monaten noch als Verlangsamung des Wachstumstempos nach der Beschleunigung von 1994 bezeichnen konnte, entpuppt sich jetzt als echter Rückschlag." Nach 2,9 Prozent im vergangenen und im laufenden Jahr wird das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts 1996 nur noch auf 2,5 Prozent geschätzt. Der Konsum ist schwach, die Unsicherheit bremst ebenso wie die um zwei Punkte erhöhte Mehrwertsteuer.