Und wenn wir zur Lupe greifen müssen: Wir wollen genau wissen, was uns erwartet, bevor wir uns für ein Hotel entscheiden. Schöne Aussicht: muß nicht sein. Den Fernsehapparat im Zimmer schätzen wir selbstverständlich, auf die Minibar können wir aus Gründen der Sparsamkeit verzichten. Aber wirklich den Ausschlag bei der Wahl eines Hauses gibt das Signet mit den Wellenlinien - Pool vorhanden.

Schließlich müssen wir was für unseren Rücken tun, und wann kommt man schon daheim dazu, ins Hallenbad zu gehen? Seit unserem letzten Besuch vor drei Jahren ist es ohnehin wahrscheinlich schon zum lärmerfüllten Spaßbad mutiert. Das letzte Refugium für einen seriösen Schwimmer - Kopf ordentlich aus dem Wasser gehoben und gewissenhaft die Bahnen entlang - ist ohnehin das Hotelschwimmbad, und im Zimmerpreis inbegriffen obendrein. Schließlich müssen sich unsere Kosten amortisieren.

Schon gleich beim Einchecken erkundigen wir uns nach den Öffnungszeiten. Morgens sieben Uhr erscheint uns eine gute Zeit für körperliche Ertüchtigung, und daß bis 22 Uhr geöffnet ist, freut uns. Sogar nach dem Abendessen können wir genüßlich noch ein paar Züge machen.

Um sieben klingelt der Wecker. "Hast du eigentlich gesehen, wo`s zum Pool geht?" Das mürrische Grummeln des Partners verrät, daß die Frage unpassend war und der Gang ins Schwimmbad wegen dringenden Weiterschlafbedürfnisses für diesen Morgen ausnahmsweise entfällt.

Immerhin machen wir uns mittags auf Erkundungstour und bringen in Erfahrung, daß den Flur entlang, die Feuertreppe hinauf, durch einen kleinen Salon und dann wieder drei Stockwerke tiefer, vorbei am Wäsche- und am Heizungskeller, das Schwimmbad liegt. Die letzten zweihundert Meter leitet uns der Chlorduft. Die Atmosphäre sagt uns zu, von keinem Schwimmer gestört, gluckst das Wasser vor sich hin. Nur leider haben wir vergessen, das Badezeug mitzunehmen und nach einem Bademantel zu fragen. Wir müßten nun wieder hinauf ins Zimmer, um uns dort umzuziehen und dann wieder hinunter und uns dann wieder umziehen und . . . . dann wäre ohnehin gleich Zeit zum Abendessen, denn mindestens zwei Stunden müßte man schon bleiben. Aber morgen ganz bestimmt.

Am dritten Tag nach dem Dinner wollen wir es nun wirklich angehen. Jedenfalls sind wir vor dem Nachtisch noch fest entschlossen. Dann allerdings sagt uns der gesunde Menschenverstand, daß Schwimmen mit vollem Bauch total ungesund ist. Und so beziehen wir vor dem Fernseher Position für eine kurze Ruhepause. Der Krimi ist spannend. Um fünf Minuten vor zehn lohnt es sich dann nicht mehr, baden zu gehen.

Am letzten Tag schließlich sind wir bereit. Wie die Römer in ihre Toga, sind wir ins Handtuch gewickelt und schleichen eher verstohlen durchs Haus, in der Hoffnung, niemandem zu begegnen. Wir wollen uns ja keine Blöße geben. Jedoch herausgeputzt in Anzug und Kostüm zum Bade zu schreiten, scheint uns doch etwas umständlich. Unentdeckt erreichen wir das Schwimmbad - und sehen uns mit zwei nackten Männern konfrontiert. Blitzschnell ergreifen sie das Handtuch und die Flucht, Züge der völligen Verstörtheit im Gesicht. Vermutlich hatten sie auf Grund jahrelanger Erfahrung mit allem gerechnet, nur nicht damit, daß jemals außer ihnen jemand auf die Idee kommen würde, ein Hotelschwimmbad zu benutzen.