FILDERSTADT. - Die Einweihungsparty im modernisierten Stuttgarter Flughafen war ein voller Erfolg. Alle waren sich einig, nach vier Jahren Umbauzeit und für anderthalb Millionen Mark war aus dem schwäbischen Feldflughäfele inmitten der Sauerkrautäcker auf den Fildern ein internationaler Airport geworden. Mit einer verlängerten Start- und Landebahn und mit einer Weltneuheit: einem Tower, der außerhalb des Flughafengeländes steht.

Vielleicht wäre auch dieser neue Kontrollturm ein voller Erfolg, stünde er nicht wegen einer Fehlplanung halb leer und befände er sich nicht ausgerechnet auf dem Acker des Bauern Herbert Briem.

Am liebsten würde der 66jährige Landwirt Briem, der einen kleinen Hof von sechs Hektar bewirtschaftet, den Tower mit eigenen Händen abreißen. Daß er das ernst meint, hat Briem bereits bewiesen. Während der Vermessungsarbeiten war er mit seinem Traktor und einem Vorschlaghammer angerückt, hatte die gelben und roten Pflöcke herausgerissen und daheim auf seinem Hof zu Brennholz zersägt.

Wenn auf der ganzen Welt kein Tower außerhalb eines Flughafens nötig sei, dann wolle er so eine Spinnerei auch nicht auf seinem Acker, sagt Briem, der ein einfacher Mann ist, aber kein einfacher Mensch. Für den Bauern, der noch nie geflogen ist, zählen die Argumente nicht, daß die Sonne die Fluglotsen genau auf seinem Grundstück am wenigsten blende und daß von dort aus der Blick auf die 300 Meter entfernte Rollbahn am besten sein soll. Und das schon gar nicht, seitdem mitten in der Bauphase beschlossen wurde, daß die gesamte Radarüberwachung des Stuttgarter Flugbetriebs nach Frankfurt ausgelagert wird.

Als diese Entscheidung fiel, stand bereits der Rohbau des neuen Towers. In seiner gläsernen Kanzel sitzen jetzt nur vier Lotsen und ein Flugdatenbearbeiter. Für ein ganzes Stockwerk des viel zu groß geratenen Baus wird ein Mieter gesucht. Einen zu finden ist jedoch wegen der hohen Sicherheitsauflagen gar nicht so einfach. All das hält Bauer Briem für ein Bubenstück und eine unbändige Geldverschwendung. Außerdem versteht er nicht, daß ihm einfach ein 40-Millionen-Mark-Tower auf den Acker gepflanzt wurde, ohne ihn zu fragen und ohne einen Pfennig Entschädigung für seinen Grund und Boden. Es ist aber rechtens.

Eine "milde Form der Enteignung" nennt Hanns-Karl Schüle von der Flurbereinigungsbehörde den Fall. Und schickt sofort hinterher, daß die Flughafen GmbH laut richterlichem Beschluß einen Anspruch auf die Nutzung des Briemschen Ackerlandes habe. Mild sei die Enteignung deshalb, weil dem Bauern immerhin ein anderes Stück Land zur Bewirtschaftung angeboten wurde. Daß Briem schriftlich kein Kaufangebot gemacht worden sei, räumt Schüle ein. Das sei aber auch sehr schwierig, sagt er, denn da gehe es um viel Geld.

Der Beamte fürchtet, der Bauer wolle für sein 36-Ar-Grundstück nicht den Ackerlandpreis in Höhe von sechzig Mark pro Quadratmeter, sondern den für Bauland in Höhe von tausend Mark herausschlagen. Eine Vermutung, denn gefragt hat den Bauern keiner. Fern liegt der Gedanke allerdings nicht, denn der Tower thront nur einen Steinwurf von den Wohnhäusern entfernt direkt am Ortsrand von Filderstadt. Würde man Briem mehr Geld anbieten, dann könnten womöglich alle anderen von der Flurbereinigung Betroffenen auch kommen und mehr verlangen. Um keine schlafenden Hunde zu wecken, wartet man also lieber ab, bis der Bauer kommt und sagt, was er will.