Verkehrte Welt: Solange auf dem Balkan gekämpft wurde, mochte das mächtigste Bündnis der Welt, die atlantische Allianz, nicht intervenieren; statt dessen mußten die hilflosen Blauhelme der Uno den Kopf hinhalten. Jetzt, da sich die Umrisse eines Friedens abzeichnen, den es gegen Rückfälle zu sichern gilt - ein typischer Fall für Blauhelme -, schickt die Nato sich an, schwerbewaffnete Einheiten nach Bosnien zu entsenden.

Mancher westliche Minister und Militär will darin schon das Modell für eine neue Nato sehen: das Bündnis als Krisenmanager in und um Europa, das in seine Operationen auch Truppen anderer Staaten, aus Rußland und Osteuropa vor allem, einbezieht. Mancher Kritiker fragt sich besorgt, ob die Nato nun in die Rolle des Weltpolizisten schlüpft. Mancher Skeptiker in Deutschland fürchtet, daß die Bundeswehr nun zu einer "Militarisierung der Außenpolitik" mißbraucht werde. Hoffnungen wie Besorgnisse sind verständlich, aber fehl am Platze. Die Krise eines Bündnisses, das seinen Gegner verloren hat, ist noch nicht vorüber. Die Balkanaktion ist ein Einzelfall, der eher für westliche Zurückhaltung bei internationalen Einsätzen als für die fröhliche Übernahme der Aufgaben eines Weltgendarmen steht.

Zur Nachahmung wäre die Aktion kaum zu empfehlen. Immerhin hat die westliche Allianz über vier Jahre gezögert und gestritten, bevor sie sich zu massivem gemeinsamen Eingreifen aufraffte - und dann nur unter der Bedingung, daß die Kämpfe vorher eingestellt würden. Ein Bruchteil der jetzt geplanten schwerbewaffneten "Friedenssicherungs-Truppe" von 60 000 Mann hätte ausgereicht, zu einem sehr viel früheren Zeitpunkt ein Ende des Krieges einzuleiten. Darauf aber mochten sich die sechzehn Nato-Staaten gerade nicht verständigen. Dieser Grundfehler westlicher Balkanpolitik erklärt, warum sie jetzt aktiv werden. "Die anfängliche Entscheidung, nicht etwa eine Nato-Truppe, sondern Uno-Blauhelme zu entsenden, war falsch", räumt inzwischen auch der amerikanische Verteidigungsminister William Perry ein. Nicht zuletzt das Bestreben, diesen Fehler wettzumachen und zugleich die Blamage westlicher Zerstrittenheit vergessen zu lassen, gab nun den Anstoß, die Blauhelme durch Grünhelme abzulösen, obgleich die Nato-Soldaten doch eigentlich Blauhelmaufgaben übernehmen sollen.

Die mühsame Verständigung zwischen den Parteien bezeugt die ganze Fragwürdigkeit des Vorhabens, die westliche Allianz durch militärische Aufgaben jenseits der Bündnisgrenzen neu zusammenzuschmieden. Kein Zweifel, auch von dort drohen Gefahren. Aber im Gegensatz zu der einstigen sowjetischen Bedrohung, die alle Nato-Mitglieder zusammenschmiedete, sind die neuen Krisen geeignet, sie auseinanderzudividieren. Der Balkankrieg hat das zur Genüge bewiesen.

Im übrigen hilft auch hier ein Blick in die Geschichte: Selbst in der Zeit des Kalten Krieges, als Konflikte jenseits der Bündnisgrenzen vielfach, wenn auch selten zu Recht, als Manifestationen west-östlicher Rivalität gedeutet wurden, konnte sich der Westen nie auf eine gemeinsame Operation out-of-area einigen; um wieviel weniger kann dies heute gelten, da alle Konflikte Einzelfälle geworden sind. Da wird es, selbst unter engen Verbündeten, allenfalls Zufallskoalitionen geben. Wer sich immer noch mit dem Schreckensbild der "Militarisierung der Außenpolitik" plagt, kann beruhigt sein: Das künftige Problem internationaler Politik wird eher darin liegen, daß Staaten zu selten, nicht zu oft bereit sind, gegen die Verächter von Menschenrechten und internationaler Ordnung energisch vorzugehen.

Taugt die bevorstehende Balkanaktion wenigstens zum Modell für die Einbeziehung osteuropäischer Staaten in die Nato, für ein neues Verhältnis auch zwischen Rußland und der westlichen Allianz? Noch ist ungewiß, ob die Fachleute in Moskau und Brüssel einfallsreich genug sind, um für die Beteiligung russischer Truppen an der Nato-Operation eine Formel auszuhecken, die russischen Empfindlichkeiten wie westlichen militärischen Erfordernissen gerecht wird. Gelingt dies, wäre es eine nützliche vertrauensbildende Maßnahme. Ersatz für die notwendige große Lösung - ein formelles, umfassendes Kooperations- und Konsultationsgremium zwischen westlichem Bündnis und Rußland - wäre es nicht. Zu der eigentlichen neuen Aufgabe der Nato, der Abstützung gesamteuropäischer Stabilität, gehört die Aufnahme osteuropäischer Staaten in das Bündnis, aber ebenso eine Institution, in der Rußland und die Nato zusammenwirken können. Seit Moskau gegen die Erweiterung der Nato nach Osten lautstark protestiert, verfolgt der Westen sie nur noch kleinlaut. Militärische Kooperation auf dem Balkan allein wird den Stein nicht wieder ins Rollen bringen.

Doch auch wenn die Aktion in Bosnien kein Modell ist für künftige Einsätze, so ist das Vorhaben der Nato zu begrüßen, einen im besten Fall wackeligen Frieden auf dem Balkan tragfähig zu machen. Einfach wird es gewiß nicht sein, die gegnerischen Streitkräfte auseinanderzuhalten, durch Abrüstung aller statt durch Aufrüstung einiger ein neues Gleichgewicht zu schaffen, die neuen Staatsinstitutionen abzustützen und neue Gemetzel zu verhindern. Das Gelände ist vermint, die Verbindungswege sind oft zerstört, die feindlichen Parteien nervös und gereizt, und der Winter steht bevor.