Die Passagiere auf den billigen Plätzen drücken sich die Nasen an den Scheiben platt. Der Präsident persönlich in derselben Maschine von Zürich nach Tirana! Soldaten aller Waffengattungen sind angetreten, als Sali Berisha die Gangway hinabschreitet. Ein roter Teppich bedeckt gnädig die Schlaglöcher des Flugfeldes, das Militärorchester bläst dazu die Nationalhymne.

Der Reporter und der Kameramann des staatlichen Fernsehens tänzeln ihm entgegen. Albanien will wissen, welche guten Nachrichten der Präsident von Bill Clinton aus Washington mitgebracht hat. Berishas Volk sehnt sich sehr nach guten Neuigkeiten - und Berisha selbst am meisten. Wenn er die Wähler nicht mit ein paar großen Schecks oder schönen Versprechungen umstimmen kann, wird er im Frühjahr womöglich aus dem Amt gejagt.

Viele Leute in Tirana meinen, daß Berisha in den letzten vier Jahren wenig für sein Land, aber viel für seinen Geldbeutel getan habe. Er sei bestimmt nur deshalb über Zürich heimgereist, witzelt einer der ambulanten Geldwechsler am Skanderbeg-Denkmal, um seine Kontoauszüge abzuholen. Der Kollaps des Sozialismus in Osteuropa hat Berisha, dem einstigen Leibarzt des stalinistischen Diktators Enver Hodscha, zu einer interessanten Wende in seiner Biographie verholfen.

Eine Viertelstunde nach dem Präsidenten dürfen auch die normalsterblichen Passagiere albanischen Boden betreten. 33 unter ihnen folgten entschlossen dem Lockruf "Ein Urlaub voller Entbehrungen, die Sie garantiert niemals vergessen werden!", mit dem das Satireblatt Titanic für seine erste Leserreise geworben hatte. Angeführt wird die Delegation von sechs hauptamtlichen Spöttern aus der Frankfurter Redaktion.

Schon bei den Einreiseprozeduren kann sich die deutsche Reisegruppe mit albanischer Realsatire vertraut machen. Als technisches Herzstück des morschen Flughafens erweist sich ein Secondhand-Röntgengerät deutscher Herkunft, mit dem - sicher ist sicher - auch die Koffer der ankommenden Passagiere durchleuchtet werden. Zu Festnahmen kommt es nicht. Nicht mehr im Dienst ist der Friseur, der bis 1990 gleich auf dem Flughafen allzu verwegen daherkommenden Besuchern Kopf- und Barthaar auf kommunistisches Maß stutzte.

Links und rechts der Straße vom Flughafen in die Hauptstadt Tirana ragen in endloser Folge drollige Betonkuppeln aus dem Boden, die sich bei näherem Hinschauen als Bunker entpuppen. Dorthin sollten sich Hodschas Schäflein bei Invasionen fremder Mächte zu zweit oder dritt flüchten. "Die Abschreckung hat funktioniert", bemerkt ein Besatzungsmitglied der Titanic anerkennend. Nun, da in Albanien die Doktrin von der feindlichen Umzingelung kaum noch Anhänger hat, finden die Beton-Iglus, von denen es mehrere hunderttausend geben soll, als Liebeslauben, Pissoirs oder Müllschlucker neue Verwendung.

Heute ist in diesem ärmsten Land Europas ohnehin alles ganz anders als vor zehn Jahren und wieder ganz anders als noch vor vier Jahren. 1985 starb Enver Hodscha, der Albanien in den vier Jahrzehnten seiner Herrschaft zunächst unter Anleitung Stalins, später mit brüderlicher chinesischer Hilfe aufgebaut hatte. Nach dem Bruch mit beiden Verbündeten fristete die Sozialistische Volksrepublik ein bescheidenes, weitgehend autarkes Dasein in nahezu vollständiger Isolation.