Aber die Figur ist zugleich voller Besetzungen. Aufgeladen mit Bildern unheimlicher Herkunft. Wie immer ihre Funktion sein mag - Schmuck, Spielzeug, Repräsentation, Ahnenversicherung, Dämonenabwehr -, vor allem ist die Figur Katalysator der unbewußten Bilder, der Bilder des Schreckens und des besänftigten Schreckens, der angststillenden Lust und des angstmachenden Verlusts. In dieser Freisetzungsqualität liegt die eigentliche, die anhaltende Wirksamkeit der afrikanischen figürlichen Plastik. Mit jedem Rätselstück wird der verborgene, der schwer zugängliche Bildervorrat neu sichtbar, und die Imaginationen fließen und füllen die starren, die leblos-zeitlosen Figurenchiffren mit ungeheurer Dynamik. Stilisierungen sind dabei der Bilderlösung nur dienlich. Stilisierungen induzieren die einlagernden, die abgedrängten Bilder, die in ihrem Dunkel nie scharf umrissen, die nicht präzise nachzuzeichnen, die nur als überschwemmende Erinnerung, als Augenblick großer sinnlicher Evidenz erfahrbar sind, als Funke, Blitz, unkontrollierbare Energie.

Und es ist womöglich mehr als nur eine ideengeschichtliche Pointe, daß die "Negerplastik" ins Blickfeld, mehr: ins Bewußtsein der europäisch-amerikanischen Moderne genau zu jenem Zeitpunkt geriet, als eben diese Moderne ihren eigenen figürlich-gegenständlichen Mitteln zu mißtrauen begann. Die Vertreibung der Figur aus dem Bild sollte eine neue Ursprünglichkeit, einen neuen "Primitivismus", einen vielleicht authentischeren Zugang zu den Tiefenbildern eröffnen. Aber das Bild, das sich auf sich selbst zurückzieht, ist auch eines, das sich vom Bildtranszendenten reinhalten will. "Negerplastik" gemahnt an das, wohnach die Abstraktion gesucht hat - und was sie endlich überwunden glaubt.

Die Ninande-Figuren der Mossi in Burkina Faso werden vom Häuptling aufbewahrt und nur einmal im Jahr gezeigt. So behalten sie ihren Zauber, ihre Macht. Wie lange noch? Die nachhaltigste Entzauberung und Entmachtung der Bilder - auch den Beweis hat die Moderne erbracht - geschieht über ihre uneingeschränkte Verfügbarkeit. Wie will der Häutling der Mossi in Burkina Faso angesichts aller verfügbaren Bilder die Unverfügbarkeit des einen Bildes behaupten? Wird es bald einmal ein Häuptlingszelt ohne Internet-Anschluß geben? Die Ethnologen sagen, es sei bei den Stämmen am Oberlauf der Volta- Flüsse schon noch so, wie es immer war. Aber das ist wohl mehr Trost als Befund.

Wie sehr die Ausstellung einer Traumreise in abgesunkene Kulturreiche gleicht, wird vollends deutlich, wenn man ein paar parellele Unternehmungen aufsucht, die einer Auswahl zeitgenössischer afrikanischer Künstler ein Forum bieten. Frédéric Bruly Bouabré von der Elfenbeinküste etwa, Cyprien Tokoudagha aus Benin, Sokari Douglas-Camp aus Nigeria oder Bodys Isek Kingelez aus Zaire, die alle zu den vielbeschäftigten Kunstdiplomaten des "modernen Afrika" gehören und deren Arbeiten immer wieder auch bei sogenannten Weltkunstausstellungen zu sehen sind. Arbeiten zumeist, die etwas Zitathaftes haben. In der Bedienung des Avantgarde-Idioms ebenso wie in der angestrengten Suche nach eigenen Wurzeln.

Der Bruch ist unheilbar. Und er ist nicht zu vergleichen mit den europäisch-amerikanischen Kultursezessionen, die nie so tief reichten, daß die Moderne die Möglichkeit verloren hätte, sich selber als konzise Fortschrittsgeschichte auszulegen. Anders in Afrika. Wo die Zerstörung der Eigenzeitlichkeit keine Zukunft gelassen hat, ist auch die Vergangenheit von aller Gegenwart abgeschnitten. Abgeschnitten wie das Feindeshaupt, von dem der König siegerfroh nicht weiß, wieso, weshalb, warum es sich so mit ihm freut.

(Royal Academy bis zum 21. Januar 1996. Der Katalog, Prestel-Verlag München, kostet an der Museumskasse 25,- Pfund, im Buchhandel 128,- DM. "Seven Stories about Modern Art in Africa", Whitechapel Art Gallery bis zum 26. November, Katalog 16,- Pfund. "Big City - Artist from Africa", Serpentine Gallery bis zum 5. Dezember, Katalog 4,- Pfund)