Phallus Memories
Der Mann, der die Frauen liebt, ist ein ewiger Jäger. Der Mann, den die Frauen lieben, ist ein ewig Gejagter. Kein Friede auf Erden. Was die Lage noch konfuser macht, ist die Tatsache, daß sich beide Rollen zur aufreibenden Doppelrolle verwirren und verknoten können: Dann sehen wir den Frauen-Mann als jagenden Flüchtling, fliehenden Jäger. Anders gesagt: Wer zu Bett kommt, den bestraft die Liebe.
Auf dem gesamtdeutschen Theater gibt es seit einigen Jahren einen unübertrefflichen Darsteller für die hochnotkomische Pein des alternden Lovers. Er trägt den schönen Namen Henry Hübchen. Er ist, neben dem Schaubühnenduo Samel &Simonischek, der beste Slapstick-Spieler des Vaterlandes. Und außerdem ist HH die Antwort des deutschen Ostens auf MM, auf Marcello Mastroianni also, der uns (zwischen Fellini und Angelopoulos, zwischen Weiberknecht und Bienenzüchter) immer wieder die Tragödie der lächerlichen Liebe herzbewegend vorgeführt hat.
Hübchens Fellini heißt Frank Castorf - der ja nicht nur ein arger Wüterich und Theaterdonnergott ist, sondern auch der Meister des Prenzlauer Barock. Dessen Satyrspiele ein einziger bunterHohn sind auf die aschgrauen Gesetze des realistischen Theatersozialismus. Eine "warme Kloake aller Laster" - so nennt Fellini in "Amarcord" das Kino. Eine schöne Beschreibung auch der Volksbühne (Ost).
In Goethes "Stella", einem "Schauspiel für Liebende", sahen wir (Hamburg, 1990) das Brüder- und Verschwörerpaar Hübchen/Castorf zum erstenmal machtvoll am Werk. Kohlköpfe flogen, Wassereimer schwappten, Frauenherzen brannten und brachen; aber im Mittelpunkt, im Auge des tobenden Unfugs, erlebte man doch eine wahre, an Herz und Kehle greifende Passionsgeschichte. Held Hübchen, stolpernd durchs Schlachtfeld der Leidenschaften. Ein kurioser Schmerzensmann: gejagt, gehäutet und bei lebendigem Leibe begraben.
Berlin, fünf Jahre später. Frank Castorf inszeniert in der Volksbühne eine Theaterphantasie über einen Film von Federico Fellini aus dem Jahre 1979: "Die Stadt der Frauen". Die Haupt- und Heldenrolle des Marcello Snaporaz, Mastroiannis Rolle, spielt natürlich Henry Hübchen.
Fellinis Film beginnt in der Eisenbahn, mit einem Männergruß an Hitchcock. Ein Zug rast phallisch ins Schwarze Loch eines Tunnels. Herr Snaporaz in seinem Zugabteil ist eingeschlafen. Marcellos Traum ist Federicos Film, gut zwei Stunden lang. Der Traum verschleppt ihn in einen wildbewegten Kongreß feministischer Fauen, sodann ins Lustschloß eines schmierigen Lüstlings, zuletzt zurück in die Bilder und Lichter seiner Kindheit.
Castorfs "Stadt der Frauen" beginnt nicht in der Eisenbahn, sondern im Kino. Das Kino steckt im Orchestergraben der Volksbühne - dort hat der Bühnenbildner Bert Neumann ein paar Reihen mit Kinostühlen aufgestellt. Das Kino ist leer. Das Theater ist überfüllt. Welch eine ungeheure Spannung! Die Herzen beginnen zu rasen.
Dann betritt eine üppige blonde Dame (Karin Mikityla) das Kino im Graben. Sie trippelt und stöckelt zielsicher auf einen Platz in der ersten Reihe zu. Sie bewegt sich, als habe man sie aufgezogen, als stecke in ihrem Rücken ein Uhrwerk. Vielleicht ist die Puppe ja wirklich eine Puppe, ein Frauen-Automat.
Nun aber Hübchen! Er sieht wieder betörend aus heute abend! Suwaweiß strahlt sein tadellos sitzender Sommeranzug. Nachtschwarz und dämonisch funkeln die Gläser seiner Sonnenbrille. Keiner könnte einem solchen Manne widerstehen - wenn er sich nicht unverzüglich selber zu Fall bringen würde.
Henry Marcello hat eine Kinokarte gekauft. Um aber zu sehen, wo sein Platz im Kino ist, muß er die Sonnenbrille des Playboys gegen die Lesebrille des reiferen Herrn vertauschen - die erste Katastrophe! Auch sein selbstverständlich makelloser Körper bereitet ihm schon einige Pein - nur mit ächzender Mühe (die Bandscheibe! die steife Hüfte!) gelingt ihm der Abstieg in den Graben, dort fressen ihn die Raben. Denn nun folgt das Debakel schlechthin: ausgerechnet auf seinem, auf Hübchens Platz (1. Reihe rechts) sitzt das sinneverwirrende Weibsstück.
So, nicht mit Krawall, sondern als langsamer, elegischer Slapstick, beginnt Frank Castorfs Theater diesmal. Die erste Stunde ist die beste Stunde der neuen Saison, ein beinahe reines, wenn auch naturgemäß manchmal schweinisches Theatervergnügen. Wir können davon nur außer Atem und im Zeitraffer berichten. Castorf und sein Hübchen verwandeln die düstere Volksbühne in ein Kindertheater, das unter der Schirmherrschaft des Priapos steht. Und wie bei einem guten Kindergeburtstag gibt es schöne Spiele und Scherze sonder Zahl. Es regiert "La bella Confusione", wie ein Fellini-Film mal heißen sollte.
Die blonde Puppe holt aus ihrem Handtäschlein ein Eis, verzehrt es saugend, schmatzend und stöhnend. Marcello erschaudert. Drei Damen (nicht von Mozart), drei Schwestern (nicht von Tschechow), drei Hexen (nicht aus "Macbeth") erwarten ihn dann in der "Stadt der Frauen". Sie singen und psalmodieren vom "Klang der Vagina" und vom ewigen Mißklang des männlichen Geschlechts. Sie geben ein famoses Trio infernal: Die eine (Astrid Meyerfeldt) ist baumlang und stämmig und schmettert im Walküren-Bariton. Die zweite (Sophie Rois) ist halblang und dürr und gebietet über eine wundersam brüchige Blechstimme. Die dritte (Kathrin Angerer) ist zierlich und schmächtig und zirpt mit einem sündigen Kleinmädchensopran.
Keine Lust ohne Schmerz! Also zünden die drei Schönen Schwefelhölzchen an (aus den unerschöpflichen Beständen der Volksbühne) und lassen das Feuerchen bis zum Fingerchen brennen. Hübchen kommt mit dem Feuerlöscher, natürlich zu spät. Einmal beginnen die drei Grazien einen Frauenfaustkampf - es ist vollkommen logisch und gerecht, daß die Kleinste siegt.
Wie der Große Bruder Fellini, so muß auch Castorf den Zirkusdirektor spielen. Läßt den Hübchen auf einem mächtigen Hengst über die Bühne reiten, was die drei Damen doch sehr erregt. Schickt eine riesige deutsche Dogge ins Gefecht. Und hat sich von der Volksbühnen-Requisite das allerliebste Spielzeug basteln lassen: einen Phallus, lebensgroß, ferngesteuert und auf Rädern. Das possierliche Ding saust auf die Szene, fährt weg, kehrt wieder - bevor es seinen Lebenslauf im Orchestergraben beendet. Schwänzchen in die Grube, Hübchen in die Höh'!
Snaporaz (als lachhafter Held und unser aller Stellvertreter) irrt kurzsichtig und zunehmend panisch durchs Volksbühnen-Satyricon. Nach vielen Kopfsprüngen und Treppenstürzen in früheren Aufführungen geht der Schauspieler Hübchen mit seinem Komiker-Körper diesmal etwas behutsamer zur Sache. Der Slapstick explodiert in seinem Kopf: Wenn ihn wieder mal die Weiber schrill verhöhnen oder geil bedrängen, dann zerspringt sein altes Knabengesicht zur Grimasse - und bleibt wie zerrissen, bleibt schreckensstarr stehen.
So geht der Abend eine Stunde lang, zwischen Kinderalbernheit und Altmännerweh furchtlos balancierend, höchst erbaulich dahin. Ein beglückendes Vorspiel, dem nun aber eine gewaltige Theaterexplosion folgen müßte. Denn wenn die Witze nicht mehr aufhören können, wenn man in ihrem Inneren kein Herz findet und keine Seele und nicht mal eine wahre Wut, dann verwandelt sich die Seligkeit des Zuschauers bald in schales Behagen. Dann meldet sich, von unten aufsteigend, langsam doch die Frage, ob Castorfs Fellini-Theater nicht zuletzt als Herrenwitz für Freigeister und Weltstädter enden wird.
Aber, ach und weh: Aufs lange Vorspiel folgt heute in diesem Theater nun leider der Tiefpunkt, und zwar mehrmals hintereinander. Fellinis maroder, frauenverschlingender Dottore Sante Katzone betritt das schon erschöpfte Drama in der Maske unseres lieben Kollegen Helmut Schödel. Dies ist ein Spaß für Kenner, der aber bald zuschanden wird, weil der beklagenswerte Darsteller des Doktor Superschwanz (Günter Zschäckel) leider so kläglich chargiert und krächzt wie ein ins Staatstheater verirrter Waldschrat. Weil Castorfs bacchantische Frauen jetzt nur noch öde und eintönig rezitieren (gib's mir, fick mich und so weiter) oder albern auf der Stelle tanzen dürfen.
Nichts, schier ganz und gar nichts ist Castorf zu diesem Fellini-Kapitel eingefallen - dies aber immer wieder und fast eine Stunde lang. Die harten, die trainierten Castorf-Fans begaben sich bei diesem Teil des Spektakels unverzüglich in den Tiefschlaf, worauf sie der dritten und letzten Stunde des Schauspiels wieder begeistert und mit frischen Kräften zu folgen vermochten.
Uns aber, die Wachgebliebenen, gründlich Müdegewordenen, fiel nun von der Bühne herab der nackte Katzenjammer an. Hübchen, zerrupft, als Einsamer Cowboy. Die düstere, strenge Gattin des Helden (Cornelia Schmaus) als Brokat- und Salon-Klytämnestra. Ein dürres Männlein am Klavier, der famose Musiker Jürg Kienberger (seit Marthalers "Murx" ein Liebling). Herztod der Gattin, Höllensturz (und lüsterne Auferstehung) des Gatten. Irgendwann saß dann auch Hübchen am Klavier und sang sein und wohl auch Castorfs Lieblingslied: "Hey Jude!" Da gab es für den empfindsamen Besucher in der Volksbühne nur noch zwei Möglichkeiten: Einschlafen oder Losheulen.
Kindisch-heiter fing der Abend an, trostlos ging er weiter, tragisch-bescheuert ging er zu Ende. Ein Abschiedskonzert für die Weltmacht "Liebe", bei dem auch das Gebein von Freund Hein zierlich mitklappern durfte. "You can be the next" stand drohend, in Großbuchstaben, auf einer Stellwand.
Fellinis Film hat seinerzeit viel Ärger gemacht, vor allem bei den frauenbewegten Frauen, die sich vom alten Macho ausgebeutet und böse verspottet fühlten. Sieht man den Film heute wieder, merkt man schnell, daß die angeblich grimmige Satire nur ein Mäntelchen ist - unter dem sich doch wieder das alte Rührstück von der göttlichen Frau, der herrlichen Mama und heiligen Hure, knabenhaft schüchtern versteckt.
Mit der "Stadt der Frauen" trat Fellini in sein Alterswerk, ins milde Abendlicht seiner Kunst ein - und vielleicht wird man Ähnliches dereinst vom guten alten Castorf sagen. Fürs erste jedenfalls hat er das Handwerkszeug seines Theaters ausgetauscht: Statt Kettensäge und Vorschlaghammer regieren diesmal Gummipenis und Tränentüchlein. Castorf, Hübchen und die Volksbühne (und alle Männer sowieso): am Boden angelangt. Aber natürlich ist auch das noch eine coole, eine superstarke Szene. Und aus den Wolken tönt die Stimme Gottes, und natürlich spricht Gott englisch: "You can be the next!"
Hey Frank! Don't make me cry! Oder, gut und deutsch gesagt: Weitermachen!
- Datum 20.10.1995 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 43/1995
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