Eine neue Familiensaga von Maryse Condé! Unvergessen die preisgekrönte Geschichte der westafrikanischen Familie Traoré, deren in alle Welt zerstobenen Mitglieder uns erst vor wenigen Jahren zwei dicke Bände lang in Atem hielten ("Segu: Die Mauern aus Lehm" und "Wie Spreu im Wind", Kiepenheuer & Witsch). Nun läuft uns also das Wasser im Munde zusammen angesichts der Melonenscheibe auf dem Umschlagbild, Vorspeise zu neuem Leseschmaus dieser "zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen französischer Sprache zählenden" Autorin (Klappentext).

Maryse Condé ist aus Afrika in ihre karibische Heimat zurückgekehrt und lebt wieder in der französischen Kolonie - pardon, dem "Überseedepartement" - Guadeloupe. Deshalb geht es um "das verfluchte Leben" der Nachkommen von Zuckerrohrsklaven: fünf Generationen mit dem französischen Königsnamen Louis! Doch schon schöpfen wir Verdacht: fünf Generationen mit Nebenlinien, Dutzenden von ehelichen, außer- und vorehelichen Kindern diesseits und jenseits des Atlantiks, auf nur 334 Seiten?

Und in der Tat, das Menü kommt häppchenweise daher. Urgroßvater Albert Louis konnten wir noch relativ gemächlich nach Panama folgen, wo er den Kanal gräbt und die "englische Negerin" Lisa heiratet. Nun wird uns der Teller weggezogen, ehe wir uns so recht mit dem Inhalt vertraut machen konnten. Lisa stirbt im Kindbett und taucht nur als böse lachender Geist gelegentlich wieder auf. Der kleine Bert wächst bei seiner Großmutter auf, während sein Vater in Amerika sein Glück und Marcus Garvey sucht, den er in Panama zu schwarzen Arbeitern reden hörte. Der Jamaikaner Garvey (1887-1940) vertrat eine Apartheidpolitik von schwarzer Seite aus; mit seinem Spruch "I shall teach the Black Man to see beauty in himself" forderte er Aufwertung und Reinhaltung der schwarzen Rasse, eine Doktrin, deren Scheitern das Buch als roter Faden durchzieht.

Nach erfolgloser Suche kehrt Albert Louis wenigstens mit genügend Geld zurück, um in Guadeloupe ein Mietshaus und ein Import-Export-Geschäft zu errichten, was ihn in den Augen seiner Landsleute zum Ausbeuter macht. Da er sich auch - gemäß der Garveyschen Rassenreinheitsforderung - von Weißen und Mischlingen fernhält, wird er sein Leben in Einsamkeit und Alkoholismus beschließen. Vorher aber heiratet er noch Elaise und zeugt mehrere Söhne, darunter Jacob, Claudes Großvater.

Claude ist die Ich-Erzählerin, die dem Roman den dokumentarischen Anstrich verleiht durch Einstreuung präziser Daten und Erwähnung historischer Ereignisse und angeblich real existierender Briefe. Sie gibt uns die meisten Rätsel auf: Wie kann sie, älter als zwölf Jahre, auf einmal in einem Pariser Heim voller bettnässender und stotternder Kinder landen? Nur weil sie nicht richtig lesen und schreiben konnte und vier Sprachen "radebrechte"? Warum muß Claude durch ihre Nachforschungen in der mütterlichen Familiengeschichte den "Makel der unehelichen Geburt" reinwaschen? Kurze Zeit - viel zu kurz, um uns darauf einzulassen - lebt Claude mit ihrer Mutter und deren Freunden in Jamaika, in einer Rasta-Gemeinde, über die wir auch gern mehr erfahren hätten, und in verschiedenen nordamerikanischen Städten, die man kaum auseinanderhalten kann.

Und dann der Zufall: In einer Pariser Sonderschule wird ausgerechnet Aurelia, die Enkelin des vom Urgroßvater nach Frankreich geschickten Bert Claudes Lehrerin. Sie nimmt sie mit zu ihrer Großmutter, einer Französin, die Claudes Familie die Schuld am frühen Tod von Bert und dessen Sohn Bébert gibt. Wir teilen ihren Zorn, denn früher Tod der sympathischen Figuren häuft sich ärgerlich, während die unsympathischen lange leben und den Ihren (und uns) zur Last fallen.

Insgesamt ist viel von Blut die Rede - von dem der Vorfahren, der Schwarzen, dem "einer anderen Hautfarbe". Dieses Buch ("Das verfluchte Leben", Roman; aus dem karibischen Französisch von Volker Rauch; Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1995; 334 S., 38,- DM) hetzt durch Zeiten und Kontinente, ohne Muße für das mächtige Erzählen, für das Maryse Condé doch bekannt ist. Gelegentliche eindrucksvolle Bilder und zahlreiche Ausrufezeichen geben etwas Würze, aber insgesamt bleibt alles reichlich fad.