Wenn Leser, die in die Schule Freuds gegangen sind, sich mittels der Schriften Jacques Lacans zu belehren versuchen, was ihnen die École freudienne de Paris zu sagen haben könnte, wissen sie oft nicht mehr, "wo ihnen der Kopf steht". Sind die Leser gar noch Patienten, deren Vorwitz sich einerseits nur zu gerne auf die Theoriehöhe ihrer Analytiker brächte, deren Leidensdruck andererseits aber auf ein gewisses Maß an Klärung drängt, sind fruchtbarste Konfusionen nicht auszuschließen.

Bei den Jüngern wird's nur selten klarer. So erfreut sich Lacan eines hartnäckigen Enthusiasmus bei den Eingeweihten, bei den Uneingeweihten einer Reaktionsmelange, die vom schlichten Unverständnis, wenn nicht fassungslos staunender Verblüffung, über das definitive Achselzucken bis zum blanken Hohn reicht. Denn zwischen der psychoanalytischen Aufklärung Freuds und dem beharrlichen "Drängen des Buchstabens" in der Sprache Lacans liegen Abgründe.

Allerdings muß man immer mit den in diesen Dingen unvermeidlichen Ambivalenzen rechnen, zum Beispiel jetzt, wenn sich einer der luzidesten deutschen Polemiker gegen den "Lacancan", Klaus Laermann, in Personalunion Mitübersetzer Lacans, die Mühe macht, die Lacan-Monographie des Oxforder Romanisten Malcolm Bowie ins Deutsche zu übertragen. Bei aller Klärung ist es immer noch eher ein Lacan für Fortgeschrittene. Die Übersetzung trägt dem Rechnung, indem sie etliche Lacansche Begriffe einfach unübersetzt läßt. Auch Bowie stattet Lacan, den er für den größten Analytiker seit Freud, dazu für den Proust der Psychoanalyse hält, bei aller Distanz manchen Tribut an Komplikation ab.

Seit mehreren Jahrzehnten kultiviert Paris, die intellektuelle Hauptstadt des 20. Jahrhunderts, einen Denkstil, für den plane Verstehbarkeit das intellektuelle Todesurteil ist. Cartesische "clarté" und "deutsche Tiefe", zu schweigen von Bowies britischem "common sense": lauter Phrasen, wie unverständig, wie unklar, wie flach . . . Aber es gibt substantiellere Gründe, warum die Dunkelheit in Frankreich Konjunktur hat. Sie hängen mit dem zusammen, um was es geht. In diesem Fall ist das Leib- und Magenthema der Psychoanalyse: das Unbewußte. Die Psychoanalyse als Theorie und Therapie beruht auf der Voraussetzung, daß das Unbewußte wie auch immer "spricht" und in der "talking cure", der Redekur, immer mehr zu einem Sprechen ohne Anführungszeichen gebracht werden kann.

Freud allerdings hat - Bowie fixiert diesen Gegensatz zu Lacan mit größtmöglicher Schärfe - die Grenze zwischen Unbewußtem und Sprache mit Nachdruck gezogen, so wie er als erkenntniskritischer Kantianer, als Nachfolger Nietzsches in der Lehre von den Phänomenen der "inneren Welt" das "Ding in sich" nie für etwas unmittelbar Gegebenes hielt und mit seiner Erscheinung in der Psychoanalyse verwechselte. Bei allem analytischen Erkenntnisoptimismus war Schillers Stoßseufzer im Grunde auch der seine: "Spricht die Seele, so spricht, ach! schon die Seele nicht mehr."

Übersetzung, die denkbar weitestgehende Übersetzung des Unbewußten, tut also not - nicht eigentlich von einer Sprache in eine andere, sondern von einer nichtsprachlichen "Sprache" in eine sprachliche Sprache, die von Anfang an unter dem Verdikt der Nichtangemessenheit steht.

Daraus ergibt sich bei Freud eine hochparadoxe Konstellation: Gerade weil er eine so klare, so deutliche, zumeist verständliche Sprache sprach; gerade weil er die Grenze der Sprache so scharf fixierte, konnte er das Unbewußte womöglich angemessener in seiner Unfaßlichkeit "fassen", als es eine unfaßliche Sprache je hätte tun können.