Bonn

Solidarität auch den Erfolglosen. Nach dieser Devise wurde Rudolf Scharping am Dienstag als SPD-Fraktionsvorsitzender bestätigt. Selbstverständlich waren die 98 Prozent der Stimmen, die er bei den Wahlen im vergangenen Oktober bekam, diesmal nicht zu haben. Doch auch die rund 80 Prozent bei diesem Wahlgang signalisieren eine auffällige Entkopplung von Zustimmung und Verdienst. So darf Scharping jetzt einigermaßen beruhigt dem Parteitag entgegensehen. Nichts spricht dafür, daß die Delegierten weniger nachsichtig abstimmten, wenn er in drei Wochen auch als Parteivorsitzender zur Wiederwahl steht.

Frappierend ist das aber schon. Wie tief hätte die Hauptstadt-SPD denn abstürzen müssen, damit die Schockwellen auch die Bonner Parteispitze erreicht und Rudolf Scharping in die Resignation gezwungen hätten? Unter 20, unter 15 Prozent? Wie auch immer, der Schock blieb aus. Seit Wochen prophezeiht und als einschneidende Zäsur dramatisiert, war die Sprengkraft der Niederlage, als sie dann eintrat, auch schon verpufft. Nach den sozialdemokratischen Großstadtdramen von Bremen und Frankfurt jetzt also 23,6 Prozent in Berlin. Auch ein schönes Ergebnis. Oder?

Fast scheint es, als habe das Berliner Ereignis für Scharping, vorläufig, befreiende Wirkung. Ein bißchen hölzern wie immer, nicht überheblich, aber seiner Sache ziemlich sicher, trat er vor die Presse, ritterlich stellte er sich vor Ingrid Stahmer, rhetorisch übernahm er die Verantwortung: "Als Parteivorsitzender" wolle er "unseren Anteil an der Niederlage nicht beschönigen". Nur, so merkt er an: "Als Person fühle ich mich da freier." Die wirkliche Verantwortung, so muß man das wohl verstehen, lastet auf anderen Personen.

Doch auch die bleiben am Tag danach ruhig. Keine Querschläger. Gerhard Schröder ist diesmal in den Sitzungen der Parteigremien anwesend. Doch, wenn überhaupt, genießt er still. Oskar Lafontaine fehlt entschuldigt. Nur einer, den man bislang nicht zu den Hitzköpfen in der SPD-Elite rechnet, macht jetzt mit harscher Krisenanalyse auf sich aufmerksam: Hamburgs Bürgermeister Henning Voscherau. "Teamunfähigkeit und egomanischer Ehrgeiz einer kleinen Führungsgruppe" seien die entscheidenden Gründe für den Niedergang. Will da einer ins Team?

An Scharpings gelassener Freude, den Wahltag ohne wirklich gefährliche Angriffe überstanden zu haben, ändert auch Voscherau nichts. Im Tief stabil, so lautet Scharpings Bilanz dieser entscheidenden Woche. Fragt man, was der Vorsitzende selbst zu diesem überraschenden Verlauf beigetragen hat, fällt einem nur mehr die Sturheit ein, mit der er seine Stellung verteidigt. Nicht wirklich zu irritieren durch Mißerfolge und Kritiker, wirkt Scharping wie ein Missionar seiner selbst: "Kennen Sie einen Besseren?" Er jedenfalls kennt keinen. Scharping scheint darauf zu vertrauen, daß sich sein Durchhaltewille in ein anerkanntes Qualitätsmerkmal verwandelt.

Und - kennen Sie einen Besseren? Scharpings provokante Frage verweist ja nicht nur auf den subjektiven Aspekt eines offenbar unantastbaren Selbstbewußtseins. Sie benennt eben auch das Dilemma einer verbrauchten Führungsriege. Das Defizit an personellen Alternativen bleibt der objektive Grund für seine Verankerung an der Spitze, seine Stabilität am Tiefpunkt. Und die, die sich für berufener halten, sind abgekämpft: Schröder durch ständige Querschüsse und Lafontaine durch seinen Putsch fürs Protokoll in der Woche vor der Berlin-Wahl. In einer emotionsgeladenen Debatte im Parteivorstand hatte er seine Ambitionen angemeldet, eine kollektive Führung mit verteilten Aufgaben eingeklagt und dann eingestanden, daß ihm zur Durchsetzung die Bataillone fehlen. Die Herausforderung war keine. Profitiert davon hat Scharping.