Nach der ersten Zugabe stehen die Borrowed Tunes ratlos auf der Bühne. Ihnen sind die Songs ausgegangen. Das Publikum macht einen Höllenlärm. Gegen das Pfeifen und Klatschen sagt Sänger Klaus Patzack schließlich: "Jetzt machen wir richtigen LowFi" und winkt den Leadgitarristen zurück auf die Bühne. Danach kündigt er "Rain" an, ein Lied, das die Band nur vom Hören kennt. Schief und krachig fängt die Landsberger Amateurgruppe an zu spielen.

Aber seltsamerweise ist das ruhige Lied wunderschön. Jeder im Publikum hört atemlos zu, irgendwie steht jeder da oben und spielt mit.

Eine dritte Zugabe bleibt den Borrowed Tunes erspart. In München gibt es zwar keine Sperrstunde, dafür aber hellhörige Nachbarn. Deswegen werden im Jugendclub Inline spätestens um 23 Uhr die Verstärker ausgeschaltet - auch für besondere Anlässe wie das 1. Münchner LowFi/Homerecording-Festival am vergangenen Wochenende gibt es keine Ausnahme.

Jeder Tontechniker rümpft die Nase über LowFi. Die Abkürzung steht für "Low Fidelity" und verheißt nur eines - schlechten Klang.

Seit knapp einem Jahr wird die "Niedrige Wiedergabetreue" als heißer Trend in der Popmusik gehandelt. Überraschend wurde damals das Lied "Looser" von Beck ein Riesenhit: Obwohl mit billigsten Mitteln im Wohnzimmer aufgenommen, konnte bald jedes Kind "I'm a looser baby, so why don't you kill me" mitsummen. Amerikanische Bands wie Pavement, Guided by Voices, Smog, Sebadoh oder Sentridoh schwimmen seitdem ganz oben auf der LowFi-Welle. In Deutschland machte das Hamburger Trio Tocotronic auf sich aufmerksam.

Ironischer Titel ihrer ersten Platte: "Digital ist besser".

Mit der Punkbewegung in den siebziger Jahren fingen Bands und Musiker an, die Technik zu ignorieren: Je schlechter die Aufnahme, desto besser. Es galt sich zu verweigern. Der Musiker Martin Newell zum Beispiel zog sich 1981 aus der Band Cleaners from Venus völlig zurück, weil ihn das "Business ankotzte". Statt dessen nahm er nur noch Kassetten auf - zu Hause. Die schickte er an Freunde oder kleine Musikläden mit der freundlichen Aufforderung, sie beliebig zu kopieren. Wer auch das Cover der Kassette haben wollte, mußte sich nur an Martin Newell wenden.