Wenn es um Raumfahrt geht, noch dazu um die bemannte, rasten nicht nur hierzulande manchmal die besten Köpfe aus. Via Direktschaltung forderte der deutsche Kosmonaut Thomas Reiter von der russischen Raumstation aus die Europäer auf, sie sollten sich auf jeden Fall an der internationalen Raumstation Alpha beteiligen.

Jules Verne läßt grüßen, und Wernher von Braun schaut vom Himmel aus beifällig zu, wie seine Nachfahren ihren Kindheitsträumen nachjagen. Glücklicherweise ist Forschungsminister Jürgen Rüttgers mit gesunder Skepsis ausgestattet und steht nicht im Verdacht, um jeden Preis auf den Mond zu wollen. Was Rüttgers vom Gipfel der Europäischen Raumfahrtagentur Esa im französischen Toulouse mitgebracht hat, ist gerade noch akzeptabel: Europa wird sich zwar nach Japan und Kanada ebenfalls an Alpha beteiligen. Allerdings fällt der europäische Beitrag an der 1993 zwischen Rußland und Amerika vereinbarten Station mit einem Raumlabor und einem unbemannten Versorgungsfahrzeug weit bescheidener aus als ursprünglich geplant. Der bis 2004 reichende Kostenrahmen, auf den sich Frankreich, Italien und Deutschland verständigt haben, wurde um gut fünfzig Prozent zurückgenommen.

Ob das noch "solide" ist, wie Rüttgers sagt, muß sich noch herausstellen. Italiens Beitrag ist, weil teilweise auf Pump finanziert, ein Wechsel auf die Zukunft. Überhaupt ist es eine offene Frage, wie eine so dramatische Kostensenkung, wie in Toulouse beschlossen, plötzlich möglich sein soll. Zwar wird auf die von Frankreich favorisierte Rettungskapsel verzichtet, mit der die Astronauten im Ernstfall die Station verlassen könnten; die Erfahrung lehrt jedoch auch, daß die Kosten von Großprojekten in Zeiten knapper Staatsfinanzen der Optik wegen gern heruntergerechnet werden. Sind die Programme dann erst einmal auf die Schiene gesetzt, erhöhen sich die Kosten in dem Maße, wie ein Ausstieg immer schwerer wird.

Immerhin steht durch die Beschlüsse von Toulouse jetzt wenigstens eine Kostengrenze fest: Die Entscheidung, sich am russisch-amerikanischen Alpha-Projekt zu beteiligen, bekräftigt auch die Übereinkunft von 1992, wonach sich Europa eine autonome bemannte Raumfahrt vorerst nicht leisten wird.

Die Teilnahme an Alpha ist damit indes keineswegs gerechtfertigt. Die Gründe aus der Forschungs- und Industriepolitik, mit denen die Notwendigkeit der bemannten Raumfahrt belegt werden soll, sind nach wie vor dünn. Spektakuläre Reisen in unbekannte Räume und Welten bleiben nach heutigem Stand der Technik Utopie; aus physikalischen Gründen sind sie auf die Nachbarschaft der Erde begrenzt. Daß Raumfahrt Wissen der Menschen über ihren Planeten und das Weltall vertiefen hilft, ist nicht zu bestreiten. Daß diese Kenntnisse sich jedoch nur bei Kapseln mit Menschen an Bord einstellen, wäre ein kostspieliger Irrtum.

Der Nutzen des bemannten Raumflugs für die Zwecke der Industriepolitik wird nur gering eingeschätzt. Selbst Raumfahrtverfechter beklagen, daß für das europäische Labormodul von Alpha kein vernünftiges Nutzungskonzept entwickelt wurde. Die Industrie, der die Ergebnisse staatlicher Forschungsförderung im Endeffekt dienen, hat sich auffallend zurückgehalten. Unbestreitbar sind bisher nur die kommerziellen Erfolge mit Satelliten für die Telekommunikation; die aber lassen sich ohne bemannte Raumfahrt und mittlerweile auch ohne Förderung des Staates verwirklichen.

Das häufig strapazierte Argument vom Technologietransfer aus der Raumfahrt hat bisher ebenfalls keiner näheren Nachprüfungen standgehalten. Verschiedene Studien zu diesem behaupteten spin-off zeigen, daß die untersuchten Projekte kaum Einfluß auf den Rest der Industrie hatten. Raumfahrt, die wegen der unüberschaubaren Risiken im All weitgehend auf vorhandene und erprobte Technik aufbaut, kann weder Schrittmacher noch Impulsgeber für den Fortschritt in der Industrie sein. Von daher gibt es auch keine Legitimation für überproportionale Staatszuwendungen.