Lästiger noch als die reisenden Kinder, sind vielleicht die reisenden englischen Familien, deren Anzahl, besonders in den Rheingegenden, an das Unglaubliche reicht, so daß man kaum begreift, wer denn noch, außer dem Könige und seinem Hofstaat, dort zu Hause geblieben sein könnte." Johanna Schopenhauer, im Jahre 1828 im Rheintal unterwegs und dem Abenteuer einer Fahrt auf dem Raddampfer ausgesetzt, berichtet so amüsiert über britische Reisegewohnheiten, daß man sich wünscht, sie hätte auch William Turner getroffen. Möglich wäre es gewesen. Der einzelne Herr aus London fuhr erstmals 1817 und dann in den dreißiger und vierziger Jahren immer wieder den Rhein entlang, machte hier und da Station, wanderte zu Sehenswürdigkeiten und dehnte - wie seine Landsleute auch - die Erkundungen auf benachbarte Täler aus.

Es war ein Tourismus a la mode, auf dem Weg in die nicht minder malerischen Landschaften der Schweiz: Rhein und Mosel mit ihren Felsen, Weinbergen und Burgruinen, den anmutigen Ortschaften und gotischen Kirchen waren die begehrten Ziele. Und nicht nur William Turner hatte Lord Byrons "Childe Harold's Pilgrimage" wie einen Reiseführer im Gepäck. Denn die poetische Darstellung einer Einheit von Natur und Kultur, diese voyage pittoresque ins Land ursprünglicher Erhabenheit und artifizieller Schönheit beflügelte vor allem die englische Spezies unter den Touristen der Zeit. Auf deren Fernweh und deren Reisesucht im Gefolge der napoleonischen Kriege antwortete William Turner mit einem zunächst kunsthändlerischen Konzept: Als Maler weniger erfolgreich, hatte er sich vor allem mit seinen in Stahlstichen reproduzierten Ansichten von England und Wales einen Namen gemacht. Deshalb lag es nahe, die Aktivitäten auf den Kontinent auszudehnen und Landschaften, Städte und Flüsse bis nach Süditalien hin zu portraitieren.

Tausende von Skizzen und ebenso viele danach zumeist in London gemalte Aquarelle dienten diesem Unternehmen. Gut verkäufliche einzelne Stiche erschienen nach diesen Vorlagen, doch nur wenige druckgraphische Folgen wurden publiziert. Daß der unermüdliche Tourist und geschäftstüchtige Künstler jedoch auf seinen Reisen nicht nur den Blick für die Wirklichkeit schärfte, hatte nachhaltige Folgen für die Kunst.

Turner war ein Augenzeuge, wo immer er sich aufhielt. Ein Künstler mit einem enormen Hunger nach Erfahrungen und Sinnesreizen, der die erlebte, gegenständliche Welt malend zu sublimieren vermochte. Was er unterwegs präzise erfaßt und in Skizzenbüchern festgehalten hatte, verdichtete sich im Atelier zu einer staunenswerten Freiheit des Ausdrucks und in offene Bildstrukturen von einem damals kaum zu vermittelnden Abstraktionsgrad. Naturkräfte und moderne Welt, Gewachsenes und Gebautes, Menschen und Dinge gehen vor allem im späten Werk in Fluten von Licht und Farbe ein. Sie wirken wie erleuchtet, wundersam schwerelos, in beinahe unirdische Erscheinungen verwandelt. Das ist ein Zauber, der heute weit mehr als zur Entstehungszeit des Turnerschen Werks wirksam wird: eine Bildmagie, die Betrachter nicht zuletzt deshalb fasziniert, weil sie die eigenen Sinne, die eigene Imaginationsfähigkeit aktiviert.

Wer gegenwärtig in der Kunsthalle Mannheim "Turner in Deutschland" erlebt und Besucher beobachtet, die nicht ohne Andacht und mit großer Intensität kleinformatige Aquarelle und winzige Skizzenblätter anschauen, erfährt etwas von dieser Anziehungskraft. Nach John Ruskin war die Landschaftsmalerei, zudem die Turners, die "besinnliche und leidenschaftliche Schilderung der physischen Daseinsbedingungen des Menschen". Es scheint, als suche man heute, sich dieser Existenz zu versichern, das heißt eigenen Erfahrungen und Empfindungen über den Umweg der atmosphärischen Naturschilderungen nachzuspüren.

Was Kritiker einst höhnisch einen "Wirrwarr in Eindruck, Farbe und Komposition" nannten, was dem deutschen Kunsthistoriker Gustav Friedrich Waagen 1837 als "allgemein nebulistisches Wesen" des Künstlers erschien, ist heute bewunderter Augenreiz und wird offenbar als emotionale, von topographischen Gegebenheiten weithin befreites Stimulanz empfunden.

Dabei ist es sehr ergiebig, mit William Turner durch deutsche Lande zu reisen und ihm an Rhein und Mosel zu folgen, an Neckar und Donau, aber auch nach Dresden, in die Gemäldegalerie und ins nahe Elbtal, nach Hamburg und für einen Abstecher nach Kopenhagen. Auch in die Heldenstätte der bayerischen Walhalla, nach Heidelberg samt Schloßruine und auf die Festung Ehrenbreitstein: Berühmte, ja mythische Geographien des deutschen Geistes erlebte Turner gern. Der Anlaß seines Coburg-Besuchs war prosaischer Natur: Von der Heimat des königlich-britischen Prinzgemahls Albert versprach er sich gut verkäufliche Ansichten.