WASHINGTON. - Bei der gegenwärtigen Friedensinitiative für Bosnien geht es auch um das Schicksal Sarajevos: eine Frage von besonderer symbolischer und strategischer Bedeutung. Die bosnische Hauptstadt ist nach einer 42 Monate währenden Belagerung zu einem Symbol menschlichen Leidens und Überlebenswillens geworden. Obwohl die Truppen der bosnischen Serben über 10 000 Menschen töteten; obwohl die Einkesselung Hunderttausende von Menschen der Wasser- und Elektrizitätsversorgung beraubte, hat es Sarajevo geschafft zu überleben. Und nicht nur das, es hat auch seine jahrhundertealte Tradition der Toleranz zwischen den Menschen verschiedener ethnischer Herkunft und unterschiedlichen Glaubens bewahrt.

Diese Tradition wird nun ausgerechnet vom Friedensprozeß bedroht. Der Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadzic, wollte von Beginn der Belagerung an einen Teil Sarajevos als Hauptstadt seiner "Republik" vereinnahmen. Kroatische Nationalisten unterstützten ihn dabei. Sie schlugen die Teilung der Stadt vor, nach der sie selber zwei, Serben und Muslime jeweils sieben Bezirke Sarajevos kontrollieren sollten. Doch auch muslimische Nationalisten träumen von der Teilung. Sie glauben, daß es keine bessere Lösung gäbe, als einen Teil der Stadt wie auch des Landes nur für Muslime zu reklamieren.

Das Hauptproblem dieser Vorstellungen liegt darin, daß sie sich gegen die wirklichen Interessen der großen Mehrheit der Einwohner Bosnien-Herzegowinas richten, ob sie nun Muslime, Serben oder Kroaten sind. Die ethnische Toleranz, für die die Menschen während des Krieges so ausdauernd kämpften, wäre somit schon in den ersten Tagen des möglichen Friedens zerstört.

Karadzic' Argument für die Teilung Sarajevos ist grotesk. Er behauptet, er müsse die Serben in der bosnischen Hauptstadt "schützen".

Aber jeder weiß, daß es seine Geschütze und Scharfschützen waren, die in dreieinhalb Jahren des Terrors auch Serben in Sarajevo getötet haben. Sein General Ratko Mladic, der zusammen mit ihm vor dem Uno-Tribunal in Den Haag als Kriegsverbrecher angeklagt ist, wurde abgehört, als er den Befehl an seine Artillerie gab: "Schießt auf Velesice (ein Viertel Sarajevos), dort leben nicht so viele Serben!". Das heißt doch: Tötet auch Serben, solange nicht "so viele von ihnen" im Zielgebiet leben.

Warren Zimmerman, der letzte amerikanische Botschafter im ehemaligen Jugoslawien, beschrieb in einem Artikel für das Magazin Foreign Affairs, wie Karadzic sich bei ihrem letzten Treffen die Teilung Sarajevos vorstellte. "Durch Mauern, wie in Berlin", sagte der Führer der bosnischen Serben.

Aber Sarajevo muß die eine und ungeteilte bosnische Hauptstadt bleiben, die offen und frei für alle Bürger der Republik Bosnien-Herzegowina ist. Ein Sieg in dieser letzten Schlacht um die so furchtbar terrorisierte Stadt wäre das beste Erinnerungsmal für Sarajevos Geist der Toleranz.