Für ein 5300 Quadratkilometer großes polnisches Gebiet an den Flüssen Oder und Neiße entwickelt der World Wide Fund for Nature (WWF) derzeit ein Konzept zur Erhaltung der in Mitteleuropa einmaligen Landschaft. Eine zentrale Rolle wird dabei der sanfte Tourismus spielen.

Ireneusz Chojnacki möchte den Spieß umdrehen. Bisher verstanden sich Naturschützer meist als Feuerwehr, die in letzter Minute wertvolle Biotope vor Schaufelbaggern und Planierraupen rettet. Für die Landschaft entlang der Grenzflüsse Oder und Neiße aber will der von seinen Kollegen in der WWF-Naturschutzstelle Ost in Potsdam kurz Irek genannte Ökologe seine Konzepte den Gemeinden und Behörden vorlegen, bevor sie eigene Pläne ausarbeiten. Denn oft genug zerstört nicht böser Wille schützenswerte Landschaften, sondern mangelndes Wissen.

In dem 270 Kilometer langen Projektgebiet zwischen der tschechischen Grenze und der Region im Süden von Sczcecin, dem früheren Stettin, gibt es etliche für Mitteleuropa einmalige Landstriche. Sie entstanden als unmittelbare Folgen des Zweiten Weltkriegs: Nach der Vertreibung der deutschen Bevölkerung siedelte die Regierung in Warschau dort Menschen an, die ihrerseits gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen, als die Sowjetunion Teile Ostpolens schluckte. Sie hofften auf eine baldige Rückkehr.

Diese Haltung bremste natürlich die wirtschaftliche Entwicklung. Oft genug überließen die Neuankömmlinge längst kultiviertes Land der Natur. Während zum Beispiel vor dem Krieg am 64 Kilometer langen Odernebenfluß Pliszka noch elf Wassermühlen arbeiteten und zehn Dörfer standen, gibt es heute keine einzige Mühle mehr, und fast alle Ansiedlungen liegen in Ruinen.

Der Natur aber hat dieser Rückzug gutgetan. Unbeeinflußt von Menschenhand windet sich die Pliszka heute durch Torfmoore, Au- und Bruchwälder der Oder entgegen. Niemand entfernte die morschen Baumstämme, die ein Sturm in den höchstens sechs Meter breiten und einen Meter tiefen Fluß geworfen hat. Schwarzstorch und Rotmilan, Eisvogel und Ringelnatter, Sumpfschildkröte und Fischotter, Sonnentau und fleischrotes Knabenkraut leben in dieser Urlandschaft, die in einem halben Jahrhundert entstanden ist.

Solche Kleinode registrieren Wissenschaftler im Auftrag des WWF und teilen ihre Ergebnisse den Umweltbeauftragten der zuständigen Woiwodschaft mit. Bevor clevere Reiseveranstalter die schnellfließende Pliszka als Kanuparcours oder Picknickareal entdecken, können die Behörden das Gebiet unter Schutz stellen.

Das reicht dem WWF-Koordinator Irek aber bei weitem nicht. Langfristig gerettet ist ein Biotop wie die Pliszka nämlich nur, wenn die Menschen in der Umgebung die Natürlichkeit auch erhalten wollen. Die Gemeinderäte des armen Landstrichs aber denken in erster Linie an ihre chronisch leeren Kassen. Da scheint es allemal besser, am Fluß Kies abzubauen, der für die geplante Autobahn von Berlin nach Warschau dringend benötigt wird. Das aber würde nicht nur den Wasserhaushalt stören, sondern das gesamte Ökosystem kippen.