Auf dem Podium Autoren aus Serbien, Bosnien und Kroatien. Als Aleksandar Tisma gefragt wird, ob der Krieg sein Schreiben verändert habe, antwortet er: "Ihre Frage ist naiv. Ein Schriftsteller schreibt, wie er schreibt. Ein Krieg kümmert ihn nicht." Tisma genießt die Härte dieser Pointe. Er blickt um sich. Überall betroffene Gesichter. Er wirft die Arme hoch, sieht ins Publikum und sagt: "Kafka hat sich nicht für den Untergang des Kaiserreiches interessiert. Ja, Sie kommen jetzt mit Joseph Roth. Der hat. Aber Kafka hat nicht. Der eine interessiert sich, der andere nicht." Er zuckt mit den Achseln. Tisma trägt eine schmutzig-grüne kunstlederne Jacke. Er sieht aus wie ein KP-Kader und läßt eine Philippika los gegen die Verpflichtung des Autors, Stellung zu beziehen zu den Konflikten der Zeit. Ein amüsanter Kontrast. Aber niemand scheint den zu goutieren. Statt dessen meldet sich eine Dame aus dem Publikum: "So zynisch dürfen Sie nicht reden. Ich bin nicht aus Jugoslawien, ich bin eine Grazerin, aber ich leide mit den Leuten in Bosnien. Dort werden Menschen niedergemetzelt. Es herrscht Krieg. Ich fühle mich betroffen. Sie sind es doch auch. Sagen Sie etwas." Tisma sieht die Frau an. "Was wollen Sie? Ein Autor schreibt, was er schreiben muß. Nicht, was Sie oder irgendein anderer ihm diktieren. Ich könnte Ihnen das Leid, das sich ein paar Meter von hier in einem Zimmer im Grazer Krankenhaus abspielt, so beschreiben, daß Sie aufschreien möchten und hinrennen, um diesem Kranken zu helfen." Tisma macht eine Pause, fixiert die Dame im Publikum, dann winkt er ab: "Aber damit wäre niemandem geholfen."

Mile Stojic, ein 1955 geborener Bosnier, der heute in Wien lebt, unter anderem für das Schweizer Magazin Facts schreibt und auf deutsch vor allem eine Anthologie bosnischer Kriegsliteratur mit dem Titel "In Schmerz mit Wut" veröffentlichte, stellt Tisma zur Rede: "Wir bosnischen Autoren erwarten von Aleksandar Tisma, daß er sich gegen die serbische Führung ausspricht." Stojic hat ein graues Lagerfeldzöpfchen und einen riesigen Bauch. Tisma spricht in den Saal: "Ich bin gegen Pathos und Leidensseligkeit. Sehen Sie sich doch das Podium hier an. Wir sehen alle sehr gesund aus. Wissen Sie, meine sogenannten Exiljahre in Frankreich waren die schönsten meines Lebens. Vielleicht wird Herr Stojic ähnliches auch einmal über seine Exilzeit sagen. Wir wissen das nicht. Wir haben uns zu sehr pathetisiert." - "Ihr Zynismus ist unerträglich", Stojic ist aufgesprungen: "Meine Leute sind umgekommen in diesem Krieg." Tisma bleibt ruhig: "Wieso Ihre Leute? Leute." - "Meine Mutter und mein Bruder." Stojic verläßt das Podium und den Saal.

Das "jugoslawische" Labyrinth - Literatursymposion im "steirischen herbst '95", Graz, 6. bis 8. Oktober