RÜGEN. - Nun sind sie wieder da, die Kraniche aus Schweden, Norwegen und Polen: Etwa 35 000 Vögel fliegen in diesem Herbst die Ostseeküste bei Rügen an. Mit dieser Schätzung bestätigt Ralph Labes vom Ministerium für Landwirtschaft und Naturschutz in Mecklenburg-Vorpommern, daß fast alle Kraniche, die nach Südwesten weiterziehen, in dieser Region Rast machen. Wenn die stattlichen Vögel in den Mooren und Sümpfen des Nordens ihre Jungen großgezogen haben, ziehen sie teils auf der Südostroute nach Kleinasien, in den Iran oder gar bis in den Sudan. Teils fliegen sie über Deutschland und Frankreich hinweg in den Südwesten von Spanien, nach Südportugal oder weiter nach Nordafrika.

Kein Wunder, daß die Kraniche auf ihrer langen Reise gern ein längeres Päuschen machen. Gewöhnlich steuern sie dazu bestimmte Rastplätze an, die sich schon seit Generationen bewährt haben. Dort ruhen sie nicht bloß aus, sondern tanken auch ihre Reserven auf. An der Küste bei Rügen etwa, wo sich traditionell jene Kraniche versammeln, die südwestwärts weiterziehen, fallen alljährlich riesige Schwärme ein und entwickeln einen gesunden Appetit: Was auf den herbstlichen Feldern zu finden ist, Mais und Winterweizen, aber auch Kohlköpfe, dient als willkommener Imbiß, so daß mancher Acker arg geplündert wird.

Das Ministerium für Landwirtschaft und Naturschutz sorgt jedoch dafür, daß kein mecklenburgischer Bauer das Nachsehen hat, wenn sich die Kraniche ausgerechnet auf seinen Feldern gütlich tun. Gemäß der Richtlinie "Ertragsausfall bei Schäden durch besonders geschützte Tiere" wird bezahlt, was die hungrigen Vögel verspeist haben. Geld gibt es aber erst dann, so erläutert der Sachbearbeiter Uwe Deutschmann, wenn ein Probedrusch gezeigt hat, wie groß der Schaden ist. Insgesamt ist er erklecklich: Allein im vergangenen Jahr hat das Land Mecklenburg-Vorpommern 400 000 Mark aufgewandt, um die gefiederten Gäste zu verköstigen. Eingerechnet sind dabei auch die Kosten für sogenannte Ablenkfütterungen: Um die Kraniche von den Äckern wegzulotsen, werden an bestimmten Stellen Mais und andere Leckerbissen für sie ausgestreut.

An einigen dieser Futterplätze sind in gebührendem Abstand Aussichtstürme aufgebaut, von denen man die Kraniche ganz bequem beobachten kann. Und viele Vogelfreunde kommen von weither, um die eindrucksvollen Schwärme zu besichtigen. Leider sind manche aber allzu begierig, das Schauspiel aus allernächster Nähe zu sehen. Oft werden die Vögel dadurch aufgescheucht, verbrauchen bei der Flucht zusätzliche Energie und machen sich dann um so eifriger über den nächstbesten Acker her.

Noch viel empfindlicher gegen zudringliche Besucher sind die Kraniche im Sommer während der Brutzeit. Da sie dann weit verstreut leben, sind sie allerdings nicht so leicht zu entdecken. Auch zu dieser Jahreszeit ist Mecklenburg-Vorpommern dasjenige Bundesland, in dem die großen Vögel am weitaus zahlreichsten anzutreffen sind. Es brüten dort mehr als tausend Kranichpaare, und einige Fachleute schätzen gar, daß die Population schon auf 1400 Brutpaare gewachsen ist. Vor allem in der Mecklenburger Seenplatte scheinen sich die Kraniche ausgesprochen wohl zu fühlen. Auf den Feldern machen sie sich dort aber kaum einmal unliebsam bemerkbar. Da ihr Nachwuchs abwechslungsreiche Kost braucht, suchen sie im Sommer ohnehin nicht nur nach Vegetarischem, sondern auch nach Insekten, Mäusen und anderem Getier.