Torremolinos, dachte ich bis gestern, sei eine Stadt in Mexiko. Heute schlendern wir die Strandpromenade entlang, und nun bin ich mir nicht einmal sicher, ob wir an einem Strand der Adria oder in Florida gelandet sind. Doch, wenn man genau hinschaut, kommt einem die gepflegte Badestadt durchaus spanisch vor, genau gesagt: andalusisch, der maurischen Spitzbögen und der sprudelnden Brunnen wegen. Monatelang habe es nicht mehr geregnet, wird erzählt, doch das Brunnenwasser in der Hotelhalle rinnt unaufhörlich von Beckenschale zu Beckenschale, das Hausmädchen wäscht die Fensterscheiben, der Gärtner sprengt den Rasen, und üppig blüht es in den kunstvoll gegossenen Betonkästen.

"Marbella!" rief Königin Isabella, als sie zum ersten Mal diese Küste sah, "was für ein Meer!" Am Fuß der vermeilroten Berge liegt die Stadt, ein touristisches Eldorado wie Torremolinos und Estepona, allesamt im Laufe eines halben Jahrhunderts fast nahtlos zusammengewachsen.

Auf dem Weg nach Ronda steigt der Bus jäh in die Berge auf, durchquert struppiges Maquis, passiert Pinien-, Oliven-, Eukalyptushaine. In steinigen Hängen klettern Ziegen, auf fernen Feldern glimmen Rauchfeuer, über der Schlucht des Tajo, auf mächtigem Felsplateau, glänzt die alte Stadt Ronda in der Mittagssonne.

So eilt nun unsere Studiengruppe, angeführt von Peggy , der tempogeladenen Reiseführerin, von einem andalusischen Höhepunkt zum anderen. Herauszuheben sind Frau von Thierstein aus Fürstenhausen und Fräulein Magdalena aus Münster, die kesse Bühnenbildnerin mit täglich wechselnder Bluse und die kluge Else mit furchteinflößender dreiviertellanger Hose sowie Herr Weintraut, der sich als Europameister im Schüttelreimen zu erkennen gibt.

Cristóbal, ein örtlicher Führer, zeigt uns die Altstadt von Ronda, die Gassen, die Tore, die hinter kahlen Mauern versteckte Kathedrale. Bei Paso-doble-Musik aus dem Lautsprecher schlendern wir durch das Stierkampfmuseum, vorbei an alten Torerofräcken, -hosen und -boleros, reich mit Blumen bestickt und schillernd paillettiert. An den Wänden Plakate und alte Stiche, Portraits von berühmten Toreros und präparierte Stierköpfe ohne Ohren, in Vitrinen Muletas, Degen, Klappmesser, die mich an die schäbige Atmosphäre eines gräßlichen Schlachtens in Lloret erinnern, das zwanzig Jahre zurückliegt. Auf einem der Photos ist Hemingway inmitten einiger Stierkämpfer zu sehen: Wie ein gemästeter Bär wirkt er zwischen ausgehungerten jungen Wölfen, denen der Schweiß über die Lefzen rinnt.

Im Hotel "Reina Victoria" nehmen wir unseren Begrüßungstrunk, eine Sangria, gekühlten Rotwein mit Orangen- und Zitronenschnitten: ein "Aderlaß", wie Peggy das spanische Wort sinnreich erklärt. Wir wohnen hinter weißer Mauer mit grünen Läden, gelben Fenstersteinen, schwarzen Regenrinnen, mit einem Dach aus glasierten Ziegeln, unter dem Rainer Maria Rilke den Winter von 1912 auf 1913 verbrachte. Im Rilkezimmer Nummer 208 hängt seine Hotelrechnung eingerahmt an der Wand, siebzehn Peseten pro Nacht.

Ronda, mit Rilkestraße und Rilkefahrschule, Rilkepub und Rilkeplakette, ist eine Stadt Rilkes geblieben. Im Terrassengarten des Hotels, vor exakt beschnittenen Palmen und einem schlanken Lebensbaum, steht der Dichter, in Bronze gegossen, mit Schilddrüsenaugen und melancholischem Schnurrbart, die Haare zurückgekämmt, ein Buch in der Hand. Er schaut über das Tal auf den nahen Gebirgszug. "Das Rauschen aus der tiefen Flußschlucht macht alles, was war, und alles, was sein kann, überflüssig", schrieb er damals.