Deutschlands Studenten macht ihr Studium Spaß. Diese Antwort von immerhin 85 Prozent der Befragten überrascht um so mehr, als die Hälfte von ihnen die Überfüllung der Hochschulen und ihre schlechte Personalausstattung beklagt. Mehr noch, jeder zweite Student mochte in der großen ZEIT-Umfrage, die Infratest Burke Berlin erstellte in der Universität keine Werkstatt der Zukunft mehr sehen.

Das Elend unserer Universitäten, die Verslumung der Vorlesungsräume und Verkümmerung der Lehre (und oft auch der Lehrenden), nimmt diese Studentengeneration achselzuckend zur Kenntnis. Für sie ist die Misere unseres Bildungssystems - und damit einer Gesellschaft und Politik, die diese Verwahrlosung vorsätzlich oder hilflos geschehen läßt - offenbar weder Grund zur Sorge noch zur Empörung, im Gegenteil. Zwei von drei Befragten beurteilten ihre persönlichen Berufsaussichten mit gut oder sehr gut. Ebenfalls zwei Drittel der Studenten halten die Wirtschaftslage für gut, gar drei Viertel glauben, daß Deutschland auf dem Weltmarkt eine gute Figur macht. Und 42 Prozent sind sich sicher: Diese Position Deutschlands wird in den nächsten zehn Jahren - also genau dann, wenn diese Studentengeneration im Berufsleben stehen wird - noch ausgebaut und gestärkt werden.

Wen wundert es da noch, wenn drei von vier Befragten erklären: "Es ist egal, wie die Berufsaussichten sind, wirklich gute Leuten setzen sich durch." Sich selbst rechnen sie wohl stillschweigend zu den wirklich guten Leuten mit Zukunft. Think positive: ist das die Devise des Studenten 95?

Die Untergangsstimmung früherer Generationen ist ihm fremd. Im Vergleich etwa mit 1979, als Infratest Burke Berlin schon einmal die Studenten gründlich befragte, haben Unzufriedenheit und Pessimismus spürbar nachgelassen: Klagten damals 72 Prozent über Leistungsdruck und zu hohe Prüfungsanforderungen, so sind es heute nur noch 37 Prozent. Spaß am Studium fanden damals 68 Prozent der Befragten, und nur die Hälfte schätzte die eigenen Berufsaussichten als gut ein. Wer ist da wohl der größere Realist - die Schwarzmaler von einst, die auf dem Arbeitsmarkt eine Arbeitslosenquote von weniger als vier Prozent erwartete - oder die Studenten von heute, die offenbar genau wissen, daß die Quote heute sich auf die Zehnprozentmarke zubewegt, die Arbeitslosigkeit unter Akademikern aber 3,9 Prozent beträgt?

Die Optimisten unter den Optimisten sind übrigens die Ostdeutschen. Angst und Unzufriedenheit befallen sie seltener als ihre westdeutschen Kommilitonen (17 gegenüber 22 Prozent), trotz der schlechteren Bedingungen auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt. Sagenhaften 93 Prozent von ihnen bereitet das Studium Vergnügen. Und wo wir schon beim Ost-West-Vergleich sind: Studenten aus der einstigen DDR kümmern sich um Politik und Hochschulpolitik deutlich weniger als Studenten aus der alten Bundesrepublik (25 beziehungsweise 16 Prozent). Fast ein Drittel von ihnen hält Studium und politisches Engagement für unvereinbar.

Sorgloser als andere blicken die Wirtschaftswissenschaftler (70 Prozent) und Rechtswissenschaftler (74 Prozent) in die Zukunft. Sie haben auch ziemlich genaue Vorstellungen vom späteren Beruf. Was nach dem Examen beruflich auf sie zukommt, wissen aber auch die Studenten der Erziehungswissenschaften recht gut (74 Prozent). Doch zugleich sind sie es, die ihrer Hochschulausbildung die schlechtesten Noten ausstellen (45 Prozent halten ihre Uni für "weniger gut"). Vielleicht ist das ein Widerspruch, vielleicht liegt hierin aber auch der tiefere Grund für diese Benotung: Jedenfalls studiert ein Drittel aller Erziehungswissenschaftler über zwölf Semester lang und klebt damit länger als alle anderen an der Uni.

Ob nun Studenten der Erziehungswissenschaften, der Wirtschafts- oder Rechtsfakultäten befragt wurden, stets waren es die Sorglosen, die Berufsoptimisten, die sich über die Arbeitsbedingungen ihres Faches am lautesten beschwerten. Überfüllung und schlechte Betreuung durch die Dozenten stehen ganz oben auf der Beschwerdeliste, bei den Medizinern und angehenden Juristen war aber auch die Klage über Konkurrenzdenken unter Kommilitonen unüberhörbar.