Welche Eigenschaften sind vererbt, welche erworben? Ein jahrhundertelanger Streit. Manchmal füllt er die Zeitungen, ein andermal die Theatersäle. "Der Streit" von Pierre Carlet de Chamblain de Marivaux (1688 bis 1763) ist in der Übersetzung von Peter Stein eine der vergnüglichsten Variationen über dieses Thema. Ein Prinz steckt zwei Jungen und zwei Mädchen kurz nach der Geburt in vier unterschiedliche Kerker, läßt sie dort von zwei Personen aufziehen und beobachtet, zusammen mit einer Freundin, wie die vier, kaum sind sie geschlechtsreif geworden, aufeinander losgelassen werden. Ein aufklärerisches Experiment, durchgeführt an den lebendigen Leibern der Untertanen.

Für diese Exposition braucht Regisseur Sven Eric-Bechtolf beängstigend viel Zeit. Die Umständlichkeit, mit der er den Prinzen seine Versuchsanordnung erklären läßt, die zahllosen Gänge, die jedem Satz nicht nur Bedeutung geben, sondern ihn auch über jedes erträgliche Maß hinaus verlängern, überstrapazieren die Geduld auch des freundlichsten Publikums. Wir sind daran gewöhnt, daß vor unseren Augen Leute einander töten und lieben. Im Zeitalter von Reality-TV kann man hier souverän kürzen, oder aber man spielt den historischen Abstand mit, macht klar, welch ein Privileg es war, ein Voyeur sein zu können. Letzteres praktiziert der Autor ja schon selbst. Er macht jeden Theaterbesucher zu einem Gast des Prinzen, der ihn teilhaben läßt an dieser sehr persönlichen Inszenierung.

Es gibt einen Augenblick, von dem an stimmt alles in dieser Inszenierung. Der Moment, da Eglé (Silvie Rohrer) sich auszieht und in dem kleinen Wasserloch ein Bad nimmt. Es gibt eine Faustregel im deutschen Theater: Je weniger einem Regisseur einfällt, desto mehr müssen die Schauspieler sich ausziehen. Oder: Je mehr die Schauspieler ausziehen, desto uninteressanter wird die Aufführung. Wie bei jeder Regel gibt es auch hier Ausnahmen. Diese Aufführung ist eine davon. Annette Paulmann planschte mit ansteckend souveräner Unschuld im Wasser. Sie trug nicht nur keine Kleider, sie war frei. Niemand im Zuschauerraum, der nicht nach wenigen Minuten gerne auch so frei gewesen wäre, es ihr nachzutun. Der voyeuristische Blick des Zuschauers, eines der zentralen Themen des Stückes, wurde hier nicht ertappt und an den Pranger gestellt, sondern Teil einer lustvoll genossenen Inszenierung.

Bei Nacktszenen gelingt fast nie die Identifikation. Bei ihnen bleibt der Zuschauer immer draußen. Nur wenn der Körper gequält, wenn Schmerz gespielt wird, dann wird die voyeuristische Barriere übersprungen, und der Betrachter identifiziert sich mit dem Opfer. Es macht die große Qualität des Spiels von Annette Paulmann aus, daß es ihr, trotz ihrer Nacktheit, gelang, den mimetischen Impuls im Zuschauer auszulösen. Er sah nicht mehr nur sie, sondern er glaubte zu spüren, was sie spürte. Mit einem griechischen Fremdwort nennt man das Sympathie.

Die anderen Darsteller taten es ihr nach. Mit der gleichen ansteckenden Selbstverständlichkeit. Mit einer großen Portion Humor und begeisternder Selbstironie tat es Nicola Thomas, die stürmischen Applaus bekam, wenn sie über die Bühne hopste.

Wie das Experiment des Prinzen ausging? Auch die Naturkinder kennen Liebesverrat und Eifersucht, Untreue und die Sehnsucht nach Glück. Kein überraschendes Ergebnis, aber so amüsant, so beseligend heiter und so bedrohlich ernst zugleich bekommt man es selten zu sehen.

Marivaux, "Der Streit", übersetzt von Peter Stein, nächste Aufführungen: 4. und 5. November im Thalia in der Kunsthalle, Glockengießerwall 1, Hamburg.