Es ist ein Unterschied, ob man sich arbeitslos fühlt oder nicht", meint Barbara. Die 27jährige hat aus reinem Interesse Geschichte studiert, ohne konkretes Berufsziel. Vor zwei Jahren machte sie ihren Magister und arbeitet seitdem mit befristeten Werkverträgen für verschiedene Bereiche der Uni und halbtags in einem Architekturbüro. "Mir war von Anfang an klar, daß mein Studium nicht in eine eindeutige Berufstätigkeit führt und keine Sicherheit bietet."

Heiko hingegen war immer überzeugt, einen guten Job zu bekommen: Nach dem Abitur studierte er acht Semester Maschinenbau an der Fachhochschule in Hamburg, jobbte in den Semesterferien als Werkstudent bei Thyssen und machte ein sehr gutes Examen. Aber daß er anschließend ein gutes halbes Jahr nach einer Stelle suchen mußte - damit hatte er nicht gerechnet: "Ich habe immer gedacht, Deutschland sei das Maschinenbauland." Auf die meisten seiner Bewerbungen bekam er nur eine formale Absage. "Als Berufsanfänger stehst du ganz unten auf der Liste bei den Personalchefs", lautet seine Erfahrung. "Du sollst jung sein, Berufserfahrung haben, perfekt Fremdsprachen beherrschen und Führungspersönlichkeit besitzen. Aber das lernst du nicht an der Fachhochschule! Viele Firmen wollen nicht mehr das Geld investieren, um eine junge Kraft anzulernen." Inzwischen arbeitet Heiko seit vier Jahren, doch an der Situation für Ingenieure hat sich wenig geändert: Seit 1990 steigt die Zahl der Bewerber, während die der Stellen sinkt.

Lehrer, Geistes- und Sozialwissenschaftler galten schon fast traditionell als künftige Taxifahrer, aber auch die Fächer Physik, Chemie oder Eletrotechnik bieten schon lange keine Garantie mehr für eine steile Karriere. Die Zeiten, als Naturwissenschaftler von der Uni abgeworben wurden, sind vorbei. Als Annett 1986 mit ihrem Studium zur Chemieingenieurin an der Uni Karlsruhe begann, "da hingen am schwarzen Brett große Anzeigen der Chemieindustrie, die mit übertariflichem Gehalt lockten", erinnert sie sich. Gegen Ende des Studiums hatte sich das Blatt gewendet: ein dreiviertel Jahr lang suchte die 26jährige nach einem Arbeitsplatz. Schließlich fand sie eine befristete Stelle, als Schwangerschaftsvertretung.

Experten der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) sehen inzwischen eine Wende zum Positiven: 1994 wurden erstmalig seit Beginn der neunziger Jahre in Westdeutschland wieder mehr Stellen für Akademiker angeboten. Dennoch ist die Zahl der arbeitslosen Hochschulabsolventen in den alten Bundesländern weiter gestiegen. Die Zahl der freien Stellen für Fach- und Führungskräfte stieg hier 1994 um zehn Prozent auf 10 800. Dadurch nahmen auch die Vermittlungen zu. Gleichzeitig suchten sieben Prozent mehr vergeblich einen Job - über 156 000 Hochschulabsolventen waren 1994 arbeitslos. Die Studenten von den Universitäten waren doppelt so häufig betroffen wie ihre Kommilitonen von den Fachhochschulen. Entspannung meldet die ZAV vor allem im Osten: Hier ging die Arbeitslosigkeit bei Akademikern 1994 um zehn Prozent zurück, denn die Anzahl der freien Stellen stieg um 39 Prozent.

"Die ZAV macht zwar in Optimismus, aber die Lage ist nach wie vor ausgesprochen mies", sagt Josef Siegers von der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Denn jährlich schlössen rund 250 000 ihr Studium ab - es würden aber nur 100 000 Stellen frei.

Auch die ZAV dämpft allzu große Erwartungen. Neben dem Konjunkturaufschwung machen ihre Experten einen Nachholbedarf der Wirtschaft für den Anstieg der Stellenangebote verantwortlich. Durch zuviel Personalabbau sei ein Mangel an Know-how entstanden, der jetzt wieder aufgefüllt werde. Dieser Nachholbedarf könne jedoch bald erfüllt sein. Die Nachfrage richte sich wie in den Vorjahren auf junge Kräfte mit Berufserfahrung - ältere Fachkräfte ab 45 und Berufsanfänger hätten nur mäßige Chancen. "Die Akademikerarbeitslosigkeit wird deutlich unterzeichnet", sagt Josef Siegers. Viele haben keinen Anspruch auf Leistung oder schrecken davor zurück, sich arbeitslos zu melden, sondern hangeln sich irgendwie durch. So wie Georg (29). Er wartet seit über einem Jahr auf einen Referendariatsplatz für das Gymnasium mit der Fächerkombination Musik und Geographie. Derweil jobbt er zwanzig Stunden in der Woche als Altenpfleger. Andere werden in der Zeit, in der sie Bewerbungen schreiben, von ihren Eltern unterstützt. Es gibt natürlich auch positive Beispiele: Sven hatte nach Abschluß seines Informatikstudiums im Juni 95 innerhalb von zwei Monaten eine Stelle. "Ich habe mich auf einen Teil der Informatik spezialisiert, der gerade besonders gefragt ist".

Der Trend zum Hochschulabschluß ist ungebrochen: Jeder dritte Abiturient will heute studieren. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts hat sich die Zahl der Hochschulabsolventen seit 1970 mehr als verdoppelt. 1993 hatten 11,5 Prozent der Erwerbstätigen in Westdeutschland einen akademischen Abschluß, im Osten sogar 13 Prozent. Aber wie viele Studenten braucht die Wirtschaft?