Als Homer in seiner Ilias den Untergang Troias besang, waren seit der tatsächlichen Zerstörung im 12. Jahrhundert vor Christus bereits 400 Jahre vergangen. Diese Zeit werteten die Althistoriker bisher als das "Mittelalter" der Antike. Troia, so eine gängige Lehrmeinung, sei nur sporadisch besiedelt gewesen, und die Ägäisbewohner hätten vor Homer über keine Schriftkultur verfügt.

Nun aber zieht ein fünf Zentimeter großer Fund aus Bronze diese Ansicht in Zweifel. Während der diesjährigen Grabungen in Troia fand der Brite Donald Easton in einem Gebäude auf dem Burgberg einen bronzenen Siegelring. Nicht genug damit, daß es die ersten Schriftzeichen sind, die aus der Bronzezeit in dieser Ruine gefunden wurden - ihre Siedlungsschichten reichen von 3000 vor unserer Zeitrechnung (Troia I) bis ins 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung (Troia VIII). Überdies trägt er nicht, wie viele erwarteten, griechische Linear-Zeichen, sondern hethitische Hieroglyphen. Sie wurden benutzt, um "Luwisch" zu schreiben, eine Sprache, die weit über die Hethiterzeit hinaus in Anatolien verbreitet war. Die Datierung des Fundes weist ins 11. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung - als es angeblich keine Schriftkultur gab.

Auf der einen Seite ist der Name einer Frau, auf der anderen Seite der Name ihres Ehemannes eingraviert; sein Beruf wird als Schreiber angegeben. "In Troia wurde also professionell geschrieben", schlußfolgert der Troia-Grabungsleiter Manfred Korfmann, "wahrscheinlich von einem Luwier, wahrscheinlich in Luwisch."

Nun können die Wissenschaftler die Entstehung der Ilias überzeugender als bisher rekonstruieren. Für die Beschreibung der knapp 400 Jahre vergangenen Ereignisse um die Eroberung Troias standen Homer möglicherweise nicht nur mündliche Überlieferungen, sondern auch luwische Chroniken und Epen zur Verfügung. Denn zumindest das Fragment einer luwischen Dichtung ist erhalten, das von der Stadt "Wilusa" berichtet. Die Hethiter, deren Reich sich vom 16. bis zum 12. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung über Anatolien erstreckte, hatten eine Vasallenstadt dieses Namens im Westen an der Ägäisküste. Einige Historiker und Altphilologen vermuten hinter Wilusa schon länger Troia. So freut sich der Homer-Experte Joachim Latacz: "Der Siegelring bildet als Beweis den letzten Stein des Puzzles, das Troia in den späthethitischen Kulturkontext einordnet."

Auch vom Grundriß her bildete Troia eine typisch altorientalische Stadt - ein Burgberg, zu dessen Füßen sich die circa 150 000 Quadratmeter große Unterstadt erstreckte. Für diese Einordnung spricht auch die zweite große Entdeckung der diesjährigen Grabung: Am Rande des Burgberges mit seiner mächtigen Mauer und gewaltigen Verteidigungstürmen wurde jetzt das Fundament einer Schutzmauer der Unterstadt des spätbronzezeitlichen Troias gefunden. Die große Menge an Lehmziegeln, die zusammengepreßt darüber lag, läßt Manfred Korfmann vermuten: "Es muß ein großartiges Bauwerk gewesen sein. Nun läßt sich die gesamte Verteidigungsanlage mit ihren drei Hindernissen rekonstruieren: Die Angreifer stießen zunächst auf einen drei Meter breiten und eineinhalb Meter tiefen Graben. Es handelt sich nicht, wie der Geoarchäologe Eberhard Zangger in seinen populären Büchern behauptet, um einen Ringkanal, der Troia als das mythische Atlantis ausweist, sondern um eine Stolperfalle für Streitwagen." So steht es schon in der Ilias: "Als die Troianer vor den Griechen flohen, zerschellten ihre Streitwagen im Wehrgraben."

Auch das zweite Hindernis wurde von Homer mehrfach beschrieben: eine hölzerne Palisadenwand. Ihre Verankerung, eine fünfzig Zentimeter breite, in den Fels geschlagene Rille, fanden die Archäologen wenige Meter hinter dem Graben. Und 90 bis 120 Meter dahinter erhob sich die gewaltige Schutzmauer, die, weil sie hauptsächlich aus sich zersetzenden Lehmziegeln bestand, kaum Spuren hinterließ. Seit diesem Sommer aber ist ihre Existenz nachgewiesen. Von Grabung zu Grabung - in diesem Sommer wurde die achte von zwölf geplanten Grabungen durchgeführt - zeigt sich Manfred Korfmann mehr von der Ilias beeindruckt: "Die Übereinstimmungen unserer Entdeckungen mit Homers Schilderungen sind einfach faszinierend."