Ein Betriebsunfall in der Werkstatt der Einheit? Ausgerechnet Berlin-Mitte, der künftige Regierungsbezirk, wird kommunalpolitisch von den Nachfolgern der SED beherrscht. Der Berliner Wahlschock vom Sonntag hat eine merkwürdige Mischung aus Kopfschütteln und Fatalismus hervorgerufen. Die SPD, die Traditionspartei Berlins, fiel mit 23,6 Prozent auf ihren historischen Tiefpunkt; die PDS triumphiert mit 14,6 Prozent als drittstärkste Partei im Abgeordnetenhaus.

Erschrocken blickt man jetzt auf das Bild einer tief gespaltenen Stadt. Es ist, als ob sich durch Berlin ein politischer Mauerstreifen ohne Übergänge zöge. Ist die Vereinigung der Stadt nun fragwürdig geworden oder gar gescheitert?

Mit verhaltenem Ingrimm wird nun die Leistungsbilanz der großen Koalition zitiert und dem Osten die gelungene Angleichung der real existierenden Lebensverhältnisse vorgehalten: Die Verlierer der Wahl zürnen den Gewinnern der Einheit. Natürlich weiß jeder, daß die Vereinigung beider Stadthälften kein Angebot an den Osten, sondern ein Gebot der politischen Vernunft war. Tatsächlich ist der Vereinigungskonsens auch überhaupt nicht gefährdet. Die gewachsene Zufriedenheit der Berliner mit ihrer Stadt überwindet alle früheren Demarkationslinien.

Sogar die Mehrheit der PDS-Wähler meint, daß es ihnen jetzt bessergehe als ehedem. Selbst wer sich klammheimlich über ein Scheitern der Einheit freuen möchte, hält sich persönlich für einen Einheitsgewinnler. Gerade die Bewohner der PDS-Hochburgen in den Plattenbauvierteln, denen 1990 noch die Verslumung prophezeit wurde, gehören inzwischen zu den gutverdienenden Bezirken mit einer drastisch gesteigerten Wohnqualität. Wer Originalzitate von Einheitsverlierern sammeln will, muß sich in Berlin eher in den Westbezirken umhören.

Das ist das Paradoxe dieser Berliner Wahl: Die PDS hat nicht gegen, sondern mit dem Erfolg der großen Koalition zu ihrem Höhenflug ansetzen können. Die amtierende Regierung hatte ihre wichtigsten stadtpolitischen Ziele - Aufbau Ost vor Ausbau West, Lohnangleichung im Osten - administrativ geschickt durchgesetzt. Die innere Einheit der Stadt stand mithin gar nicht zur Wahl. Deshalb riskierte ein Ostberliner PDS-Wähler mit seinem Votum nichts außer ärgerlicher Aufmerksamkeit im Westen. Gescheitert sind also allein die kolonialistischen Einheitsvorstellungen: Einheit als parteipolitisches Tauschgeschäft.

Der PDS-Erfolg widerlegt die Spekulation auf einen raschen Niedergang der Postkommunisten, ist aber kein Grund für politische Hysterie. Die Partei hat im Osten die "kulturelle Hegemonie". Sie hat das Monopol auf eine politische Infrastruktur geerbt, auf ein Netz von Mieter- und Rentenberatung, eine überlegene Logistik von Betreuung und Feierabendgestaltung. Sie ist ein bißchen Mach-mit-Bewegung, ein bißchen Protestkultur. Sie bietet Systemkritik als politisches Biotop. Bedeutsamen Zugewinn in absoluten Zahlen kann sie allein bei den jungen Wählern verzeichnen. Aber was verbindet den jungen Kriegsdienstverweigerer mit dem frustrierten NVA-Offizier, den Irokesenschnitt mit der Fassonfrisur, das jugendliche Nein gegen die Anpassungszwänge der neuen Zeit mit dem Nein der Alten wegen der verlorenen Zeit? Diese Widersprüche können in der PDS nicht durch Strategie und Programme versöhnt werden. Sie lassen sich nur im Ghetto von Nostalgie und Protest vereinen.

Die PDS bietet eben beides: die Chance zur demokratischen Teilhabe und die Möglichkeit, zu allem nein zu sagen. Ihr Slogan: "Berlin wählt, Bonn sieht rot" drückt auch ihren ganzen Politikbegriff aus. Die Demokratievorstellung der Postkommunisten orientiert sich dabei nicht am öffentlichen Streit der Zivilgesellschaft, sondern am Harmoniemodell des "Runden Tischs". Selbst der Parteiideologe André Brie, der seine Hoffnungen auf ein "vages systemkritisches Potential" setzt, räumt die autoritäre Fixierung der Postkommunisten bis hin zu "Law and order"-Vorstellungen ein. Auch weil sie gegen solche Ordnungsvorstellungen verstießen, haben die Sozialdemokraten vor allem im Osten für ihre Bonner Personalkrisen bezahlen müssen. Und es wäre völlig verfehlt, wollte die SPD die PDS-Wähler als verirrte Sozialdemokraten mit kleinen opportunistischen Angeboten locken.