Ich hatte schon drei Termine bei drei Urologen. Und bin dann doch nicht hingegangen. Wir sind mit dem Kinderkriegen an die Grenzen unserer Belastbarkeit gelangt, mehr Geschwister können wir unseren sechsen nicht zumuten, sonst kommen sie alle zu kurz. Also rufe ich immer wieder entschlossen bei einem Urologen an, lasse mir einen Termin geben - und kneife.

Beim vierten Urologen bin ich wirklich vorstellig geworden. Der zeigte grinsend seine scharfen Eckzähne, als er auf das Schaubild eines Hodens wies. Mein Gott, dachte ich, was ist so ein Hoden für ein armes Organ. Ohne ein Paar Augen, das weinen, ohne einen Mund, der schreien kann. So ausgesetzt, ohne Muskeln, die ihm hülfen, auf und davon zu hüpfen. Der Urologe zeigte mir also die Samenleiter und erläuterte die Technik ihrer Verödung. Bei dem Wort "Verödung" befiel mich namenlose Traurigkeit. Ich nahm seinen Zettel, versprach, ihn gründlich zu studieren, mich wieder telephonisch zu melden. Und war heilfroh, daß ich noch einmal entronnen war.

Auf dem Zettel, den mir der Urologe mitgab, steht unter Punkt drei: "Durch diese Operation wird der Mann auf Lebenszeit unfruchtbar." Das ist der Zweck des Eingriffs. Aber was sind das für Donnerworte: auf Lebenszeit unfruchtbar. Was bedeutet das? Ich werde forthin unfruchtbar sein, mein ganzes Ich, nicht bloß ein peripheres Teil? Reiß dich zusammen, sag' ich mir, du feiger, selbstmitleidiger Pinsel, sag' ich mir und daß die Welt sowieso übervölkert ist. Aber wenn ich aufhöre, so laut zu mir zu reden, hebt eine andere Stimme an.

Ich sitze am Küchentisch, hinter mir sackt der Tagesplan des Getan-werden-Müssenden in sich zusammen, weil ich, statt ihn brav zu erfüllen, meiner inneren Stimme lausche, die mir abrät, in mich eingreifen zu lassen. Was aber soll aus diesem Tagesablauf werden, den wir mit Müh und Not zu zweit noch aufrechterhalten können, diesem Tausenderlei, das zwischen Küche und Bad und all den Kinderzimmern, zwischen Supermarkt und Ballettschule und Kieferorthopädie täglich zu leisten, zu bedenken, zu organisieren, durchzusetzen, zu gestatten und zu verbieten ist, was geschähe diesem halbwegs geordneten Tagesablauf, wenn da noch ein Kind hinzukäme. Wir würden im Chaos verschwinden und erst wieder auftauchen, wenn ein Beamter vom Jugendamt erschiene, um unsere Kinder in ein Heim einzuweisen.

Für eine Gruppenlesung soll ich zum Thema "Liebe" schreiben. Ich rufe die Moderatorin an und beichte, daß mir dazu nichts einfiele, daß ich wohl mal verliebt gewesen sei und nun zur Strafe sechs Kinder hätte, zwei schon erwachsen. Daß ich also bestenfalls von männlicher Sterilisation lesen könne, einen Text, der mir von einer beharrlichen inneren Stimme diktiert werde, den aufzuschreiben ich aber keine Zeit fände. Um am Schreibtisch wieder fruchtbar zu werden, müßte ich mich unfruchtbar machen lassen. . . . Die Moderatorin bedauert mit sanfter Stimme. Nein, nein, beeile ich mich hinzuzufügen, keine Angst, Verehrteste, ich werde es wohl am Ende doch nicht tun. Ich lege den Hörer auf und muß mich wundern: Ich habe wirklich "keine Angst" zu ihr gesagt. Warum sollte eine wildfremde Frauensperson Angst vor meiner Sterilisation haben? Ich habe Angst davor.

Es ist die Angst, dieser Möglichkeit beraubt zu sein, um derentwillen Männer wahrscheinlich auf der Welt sind. Potenz heißt ja nichts anderes als "Möglichkeit". Die Möglichkeit, die sich die Gattung, solange es geht, offenhält: daß da ein Mann zufällig einer Frau begegnet - und daß es funkt.

Es funkt. Es unterwirft sie und wirft sie aufs Lager. Es macht sie zum Werkzeug der Zeugung, aus Gründen, die den beiden unerfindlich sind, aber doch offenbar der Gattung wichtig genug, sie derart "außer Kontrolle" geraten zu lassen, daß sie - wie heißt es doch - "eine Torheit" begehen. Die Möglichkeit, ohne es zu wollen noch zu wünschen, sich unsterblich zu verlieben, ist offenbar das Nadelöhr, durch das Genies schlüpfen.