Seit Jahrhunderten plagt die Franzosen der Alb der incertitudes allemandes, die Angst vor den deutschen Ungewißheiten. Jetzt sitzt der Schuh mit einem Male auf dem anderen Fuß: Neuerdings sorgen sich die Deutschen, weil nun umgekehrt die Ziele der französischen Politik im Nebel der Ungewißheit verschwimmen. Bleibt Frankreich weiterhin ein verläßlicher Begleiter auf Europas Weg?

Der neue Staatspräsident Jacques Chirac, der Bonn diese Woche einen Besuch abstattete, galt während des Wahlkampfes im Frühjahr nicht unbedingt als Vorzugskandidat der Deutschen. Dafür war sein europäisches Bekenntnis zu lau ausgefallen, sein übriges Programm zu widersprüchlich. Chirac versprach eine bunte Mischung von Sozialismus und Korporatismus, Liberalismus und Dirigismus, atomarer Unabhängigkeit und kontinentaler Verteidigungszusammenarbeit, Nationalismus und Europäertum. Das Mischungsverhältnis wurde nie recht klar. Nach innen versprach er allen alles: höhere Löhne, niedrigere Steuern, gleichbleibende Gesundheitsausgaben. Kaum eines seiner Versprechen hat der neue Präsident bisher erfüllt; kein Wunder, daß seine Popularitätskurve drastisch abgesackt ist. Der wahre Chirac muß sich erst noch entpuppen.

Jedes der beiden Nachbarländer steckt heute tief in seinen eigenen inneren Schwierigkeiten: Deutschland in der Anpassungskrise nach der Wiedervereinigung, Frankreich in einer nicht minder drückenden gesellschaftlichen Transformationskrise. Damit muß jedes Land für sich fertig werden - und sollte dabei auf das Verständnis des Partners zählen dürfen. Wenn aber - wie derzeit westlich des Rheins - das Mißverhältnis zwischen Reformbedürftigkeit und Reformbereitschaft den Fortgang der europäischen Integration bedroht, dann sind unter Freunden offene Worte, mindestens aber direkte Fragen geboten.

Frankreich hat eine niedrige Inflationsrate. Es verzeichnet einen ansehnlichen Zahlungsbilanzüberschuß. Der Franc, seit 1983 eng an die Mark angelehnt, ist trotz gelegentlicher Anfälligkeit stabil, allerdings um den Preis hoher Zinssätze. Aber die Staatsquote liegt neun Prozentpunkte über der deutschen, und die Staatsverschuldung hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt. Die Arbeitslosigkeit ist fast so hoch wie in Ostdeutschland. Und das jährliche Budgetdefizit reicht an sechs Prozent heran. Das ist doppelt soviel, wie die Maastrichter Konvergenzkriterien den Staaten erlauben, die der Europäischen Währungsunion beitreten wollen.

Chirac hat bereits seinen Spar-Finanzminister Madelin aus dem Amt gejagt. Jetzt wächst der Druck in Frankreich, von der Politik des franc fort abzurücken, die Zinsen zu senken und die öffentlichen Ausgaben anzuheben, um die Wirtschaft anzukurbeln. Ein schwächerer Franc jedoch hätte eine unausweichliche Folge: Die Währungsunion müßte vertagt werden - weit über die Maastrichter Fristen hinaus ins 21. Jahrhundert. Europa bliebe, was Heinrich Heine einst "eine große Douanenkette" nannte. Will Chirac das? Überhaupt: Welches Europa will er? Welche Strukturen und Prozeduren schweben ihm vor? Läßt sich darüber Einverständnis erzielen?

Es geht bei alledem nicht in erster Linie um das bilaterale Verhältnis zwischen Paris und Bonn. Die Erbfeindschaft von ehedem ist überwunden, Gott sei Dank. Die Abkehr von den Maximen des Kardinals Richelieu, der den "Koloß jenseits des Rheins durch Spaltung und Teilung" unschädlich zu halten trachtete, hat François Mitterrand nach kurzem Zögern 1990 vollzogen. Dafür sollte das wiedervereinigte Deutschland fest in den Rahmen der zusammenwachsenden Europäischen Union eingezargt werden. Wenn aber die Zimmerleute diesen Rahmen nicht zustande bringen?

Jahrzehntelang stand den Franzosen das Gespenst einer dérive allemande vor Augen - eines Abschwimmens der Deutschen nach Osten. Müssen umgekehrt die Deutschen heute eine dérive française befürchten - eine Verweigerung Frankreichs vor der nächsten Hürde auf der Maastrichter Bahn zur "immer engeren Union der Völker Europas"?