Seit dem Sommer kursieren fast täglich Nachrichten vom drohenden Einsturz des japanischen Bankensystems in den internationalen Börsenblättern. Nichts scheint mehr unmöglich, seit im August gleich drei japanische Geldhäuser Konkurs anmeldeten - in einem Land, das fünfzig Jahre lang keine Bankenpleite erlebt hatte. Dann folgten die Nachrichten von dem grotesken Verlustmanagement der zehntgrößten japanischen Bank, Daiwa, in New York. Dort hatten die Verantwortlichen die fällige Abschreibungssumme über eine Milliarde Dollar vor den US-Behörden wochenlang verheimlicht. "Solange die japanische Wirtschaft in den siebziger und achtziger Jahren stark zulegte, war auch die Geheimnistuerei der Banken kein Thema", notierte unlängst die Financial Times. "Doch da die Wirtschaftsprobleme seit fünf Jahren nur noch größer werden, erscheinen die unsichtbaren Probleme im japanischen Finanzsystem allmählich als furchterregende Unbekannte für ausländische Banken."

Einem Mann aber ging die Miesmacherei in der vergangenen Woche zu weit: Alan Greenspan, Chef der amerikanischen Notenbank, setzte den Klagen der internationalen Finanzexperten unvermutet einen neuen Rettungsplan entgegen. Um Japans Probleme kümmern sich nicht nur die Japaner, lautete die Botschaft Greenspans, die er über den Vorsitzenden des Bankenausschusses des amerikanischen Kongresses, James Leach, der verdutzten Finanzöffentlichkeit bekanntgab. Auch Amerika habe vorgesorgt. Für den Fall eines japanischen Bankenkollapses sei ein umfangreiches Liquiditätshilfeabkommen mit Tokio vereinbart worden, das jeder japanischen Bank im Notfall eine ausreichende Dollarversorgung garantiere.

Mit anderen Worten: Der große Crash, von dem alle reden und der dann eintreten würde, wenn japanische Banken aufgrund plötzlich auftretender Zahlungsverpflichtungen ihre Dollar-Schuldbriefe en masse verkaufen müßten, wird so nicht stattfinden. Zuvor würde die amerikanische Zentralbank, rückversichert durch Dollarreserven der Tokioter Notenbank, den japanischen Geldhäusern in Amerika unter die Arme greifen.

Das Abkommen, das in Tokio zunächst nur mit einem "no comment" des Finanzministeriums bedacht wurde, begeisterte sofort die Experten. In Frankreich recherchierten Wirtschaftswissenschaftler des Observatoire Français des Conjonctures Economiques nach den historischen Vorläufern des amerikanisch-japanischen Zentralbanken-Deals und fanden sie bei der internationalen Notenbankkooperation zu Zeiten des Goldstandards von 1880 bis 1913. Damals diente das Abkommen zwar vornehmlich der Stabilisierung der Wechselkurse. Doch glauben die Franzosen, daß die Absprache zwischen Washington und Tokio letztlich dem gleichen Zweck diene, weil ein japanischer Bankenkollaps mit Sicherheit auch den Dollar schwächen würde.

Doch es geht nicht nur um die Stabilität der Wechselkurse. "Japanische Banken besitzen zwischen neun und zehn Prozent aller amerikanischen Staatsschuldbriefe. Also schützt Alan Greenspan den Wert amerikanischer Staatsschuldbriefe, indem er den japanischen Banken das Geld für morgen verspricht, damit sie ihre Guthaben nicht verkaufen müssen", erklärt Alicia Ogawa vom amerikanischen Wertpapierhaus Salomon Brothers in Tokio. Ogawa hatte vergangene Woche als Expertin über die japanische Bankenkrise vor dem Kongreßausschuß von Leach ausgesagt und dabei amerikanische und japanische Behörden ausdrücklich vor der Untätigkeit gewarnt. "Das Vertrauen war auf ein so tiefes Niveau gefallen, daß etwas getan werden mußte", applaudiert sie nun dem Abkommen der Zentralbanken.

Daß den japanischen Behörden dabei nicht ganz wohl zumute ist, lassen die amerikanischen Beobachter freilich unerwähnt. Eifrig wie nie bemühen sich die Beamten im Tokioter Finanzministerium, das historische Abkommen mit Washington unter den Tisch zu reden. Und die japanische Presse verlor kaum ein Wort darüber. Abgesehen von zwei Kurzmeldungen aus Washington verschwieg sogar die führende Wirtschaftszeitung des Landes, Nihon Keizai, den amerikanisch-japanischen Plan - ein deutliches Zeichen dafür, wie gut einerseits die Öffentlichkeitsarbeit des Finanzministeriums funktioniert und wie stark andererseits das Thema eines japanischen Bankenkollapses noch immer tabuisiert ist.

Der Plan sei "eine Demütigung für das neuerwachte japanische Selbstbewußtsein", sagt der Präsident der Schweizerischen Bankgesellschaft, Peter Brutsche. Die Japaner müßten ausgerechnet vor den amerikanischen Behörden "zu Kreuze kriechen", denen sie in den Jahren zuvor immer wieder die hohe Staatsverschuldung vorgeworfen hatten. Überdies sei die Verabredung für die japanischen Banken im täglichen Geschäft kaum von Vorteil: "Eine Liquiditätshilfestellung dürfte keine fundamentale Entlastung auf der Kostenseite bringen." Brutsche sagt das nicht ohne Hintergedanken. Denn auch die europäischen Banken profitieren vom schlechten Ruf der japanischen Konkurrenz. Schon heute können sie auf dem Eurodollar-Markt Gelder wesentlich billiger aufnehmen als japanische Banken. Bei bis zu 0,6 Prozent liegt derzeit die zusätzliche "Japan-Prämie" für Ausleihungen an japanische Banken.