Eine der wichtigeren, aber weniger beachteten geopolitischen Konsequenzen des Zerfalls der Sowjetunion ist der anhaltende Kampf um die Zukunft Zentralasiens. Dabei geht es nicht nur um die wirtschaftlichen Interessen der demokratischen Industrieländer einschließlich der aus dem Fernen Osten, sondern auch um die Frage, ob man Rußland als europäischen Staat oder als eurasisches Reich ansieht.

Diese Frage hängt unmittelbar damit zusammen, wer den Zugang zu den riesigen Energie- und Edelmetallvorkommen Zentralasiens kontrolliert. Die Region, die bis vor kurzem auf der Weltkarte nicht sonderlich auffiel, weil sie Teil der Sowjetunion und zuvor des Zarenreiches war, setzt sich heute aus fünf unabhängigen Staaten zusammen: Kasachstan, Kyrgystan, Usbekistan, Turkmenistan und Tadschikistan; das Gebiet erstreckt sich von China im Osten und dem Kaspischen Meer im Westen sowie zwischen Rußland im Norden und dem Iran, Afghanistan und Pakistan im Süden. Dazu kommt das mit großen Ölvorkommen gesegnete islamische Aserbejdschan, an der Westküste des Kaspischen Meeres gelegen, das mit ähnlichen wirtschaftlichen und geopolitischen Herausforderungen konfrontiert wird wie die neuen zentralasiatischen Länder.

Außer in Aserbejdschan gibt es auch in Kasachstan und Turkmenistan gewaltige Öl- und Erdgasvorkommen. Allein die Größe des Tengiz- Ölfeldes in Kasachstan wird auf vier Milliarden Barrel geschätzt. Bis zum Jahr 2000 wird die Off-shore-Produktion am Kaspischen Meer in Aserbejdschan bis zu zwei Millionen Barrel pro Tag betragen. Hinzu kommt, daß der landeseigene Verbrauch in diesen Ländern im Gegensatz zu Rußland gering ist und sich daran vermutlich auch in den kommenden Jahrzehnten nichts ändern wird. Kurz: Wenn die Energiereserven der gegenwärtig ölexportierenden Länder zur Neige gehen, besteht die Aussicht, daß Zentralasien über kurz oder lang einspringen und den Westen mit Öl versorgen wird.

Außerdem lagern in dieser Region beträchtliche Mengen von Eisen, Kupfer, Blei, Chrom und Zink. Usbekistan ist einer der größten Baumwollproduzenten und Erdgasexporteure weltweit; in Tadschikistan und in Kyrgystan gibt es Rohuran, in Usbekistan, Kyrgystan und Kasachstan lagern Goldvorräte.

In einer Zeit weltweit steigender Energienachfrage - allein der Ölverbrauch nimmt jährlich um etwa eine Million Barrel zu, der Bedarf von China, Japan und Korea an Öl und Erdgas wird vermutlich dramatisch steigen - hängen der Energiepreis und die Versorgungssicherheit unmittelbar davon ab, in welchem Maße sich Zentralasien der Weltwirtschaft anpaßt. Kasachstan beispielsweise will seine Ölexporte von derzeit jährlich etwa vier auf etwa fünfzehn Millionen Barrel 1997/98 erhöhen. Kein Wunder, daß sich westliche Firmen danach drängen, gewaltige Summen - die Rede ist von bis zu dreißig Milliarden Dollar - zu investieren, um diese Schätze zu erschließen.

Das Hauptproblem all dieser Länder ist, daß ihnen der direkte Zugang zu den Weltmärkten fehlt. Die neuen Staaten haben erkannt, daß ihre Unabhängigkeit und ihr künftiger Wohlstand direkt davon abhängen, inwieweit sie umfassende Handelsbeziehungen mit den Industrieländern des Westens und des Fernen Ostens aufbauen können. Es überrascht daher nicht, daß die Länder Zentralasiens versuchen, ihre Verbindungen zur Außenwelt zu diversifizieren. In der Hinsicht stimmen die nationalen Interessen der energiereichen jungen Staaten und die langfristigen wirtschaftlichen Interessen des Westens und des Fernen Ostens zweifellos überein.

Bedauerlicherweise stehen sie gleichzeitig im Widerspruch zu den russischen Wirtschaftsinteressen. Zur Zeit gehen fast alle Öl- und Gasexporte aus der Region (mit Ausnahme von turkmenischem Erdgas, das nach Süden über den Iran exportiert wird) durch Pipelines in die russischen Häfen von Noworossisk und Tuapse am Schwarzen Meer. Obwohl die Exportkapazität der dortigen Anlagen sehr begrenzt ist, möchte Rußland auf keinen Fall die Kontrolle über die Ölexporte aus Kasachstan und aus dem Kaspischen Meer verlieren.