Mathematik bis zum Abitur? Der Streit ist entbrannt, die Schlachtordnung unübersichtlich. Auch Mathematiker schlagen mittlerweile vor, das Pflichtprogramm bald nach dem Erlernen der Grundrechenarten abzubrechen und diejenige Mathematik, die nicht trivial ist, nur Begabten anzubieten. Was sie ins Feld führen können, liest sich wie folgt.

Morgens früh um halb acht stürmt der Mathelehrer in die 10b. Er hat sich ein Spiel ausgedacht, bei dem man ein wenig Statistik lernen kann. Mehr als dieses frühmorgendliche Spiel läßt der Lehrplan leider nicht zu: In der nächsten Mathestunde wird die Klassenarbeit vorbereitet. Und gleich wird ein Physiktest geschrieben; etliche Schüler treffen letzte Vorbereitungen. Draußen ist es noch dunkel.

Es kommt also, wie es kommen muß. Das Spiel lahmt, ein Schüler stellt langatmig eine falsche und im "fragenentwickelnden Unterrichtskonzept" des Lehrers nicht vorgesehene Lösung vor, und noch während die Kreide über die Tafel kratzt, klingelt es. All die Mühe - umsonst.

Jeder kennt das. Und leider, noch dazu, jenen anderen Lehrertyp, der seinen Beruf innerlich ablehnt. Neulich hörte ich davon, daß die Lösung eines mathematischen Rätsels in einer Klasse umstritten war. Die Lehrerin hatte nicht den Nerv, die Sache zu Ende aufzuklären - und ließ zwecks Herstellung eines Meinungsbildes abstimmen. Man müsse schließlich mehrere Ansätze gelten lassen. Das ist die Abschaffung der Mathematik in der Schule. Sie ist in vollem Gange. Warum also nicht endlich einen Schlußstrich ziehen?

Weil mit einer Reform vielleicht doch etwas zu retten wäre. Sie könnte so aussehen: Für die Interessierten systematische Bildung; für alle anderen, bis zum Abitur, unterhaltsame Einführungen in mathematische Werkzeuge. Verblüffende Algorithmen etwa, Geheimcodes oder ein Kurs "Wie lügt man mit Statistik?". Jedesmal ein Neuanfang und viel Zeit zum Ausprobieren. "Ihr versteht es vielleicht nicht, aber lernen müßt ihr es" - dieser Satz wäre aus der Schule verbannt.

Wem soll das nützen? Den Benachteiligten. Mathematik durchzieht unsere Technik und Kultur; alle, denen sie vorenthalten wird, sind unterprivilegiert. Ihnen kann geholfen werden.