Eines Morgens, im Sommersemester, lag er im Briefkasten: der blaue Brief der Uni-Verwaltung. Björn, im dreizehnten Semester Student an der Freien Universität Berlin, wurde aufgefordert, sich der Prüfungsberatung für Langzeitstudenten zu unterziehen. "Ich habe gedacht, das wird ein Kreuzzug mit Seelenstriptease", sagt der Dreißigjährige. Jetzt sitzt er bei Peter Grottian, Professor am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft (OSI).

"Ich hab' ein bißchen den Überblick verloren", gesteht Björn. Ein Jahr war er in Ekuador und hat die soziale Lage der Indianer erforscht. Neben dem Studium jobbte er jahrelang in der Obdachlosenbetreuung, als Ausgleich und um von der Uni auf den Boden der sozialen Realität zurückzukehren. Jetzt fehlen ihm für den Abschluß noch einige Scheine - und ein geeigneter Prüfer. Peter Grottian nimmt sich Zeit, gibt Tips für die Diplomarbeit, empfiehlt Prüfer und sagt: "Du mußt die Prüfung für dich entzaubern, hör mal bei ein paar Prüfungen zu, dann merkst du schnell, die kochen alle nur mit Wasser."

Die Beratung ist nicht die letzte an diesem Tag. Vor dem Sprechzimmer, neben einem grellen Plakat mit der Aufschrift "Arbeitslosien, das 17. Bundesland, 6 Millionen Einwohner", warten bereits die nächsten. Denn an den Berliner Hochschulen müssen sich seit dem Wintersemester 1994/95 alle Studenten, die die Regelstudienzeit um mehr als zwei Semester überschritten haben und noch nicht zur Abschlußprüfung angemeldet sind, von einem Professor über die Fortsetzung ihres Studiums beraten lassen. Wer sich weigert, wird - nach mehrfachen Anmahnungen - zwangsexmatrikuliert.

140 Studenten und Studentinnen hat Peter Grottian allein im Sommersemester beraten. Gründe haben die Studenten, die über das elfte Semester hinaus studieren, viele: Hans-Jörg hat einen festen Job, Regina braucht Zeit für die Kindererziehung, Thomas hat ein Zweitstudium nebenher laufen.

Mit der Beratungspflicht, seit 1993 Teil des novellierten Berliner Hochschulgesetzes, will die Senatsverwaltung die hohen Abbrecherquoten und langen Studienzeiten eindämmen, die in Berlin weit über dem Bundesdurchschnitt liegen. Ein Viertel aller Studenten der Freien Universität (FU) waren zu den Beratungsgesprächen eingeladen - etwa 10 500 haben bisher teilgenommen. Seitdem verlor die FU dreizehn Prozent ihrer Studenten, rund 7000. Ein beachtlicher Erfolg, zumindest für die Studienstatistik.

Allerdings ergab eine Begleituntersuchung an der FU: Gerade mal vierzehn Prozent der Studenten half die Beratung, das Examen in Angriff zu nehmen; zwei Drittel bezeichneten das Projekt dagegen als lästige Pflichtveranstaltung, sechs Prozent fühlten sich gar moralisch gegängelt. Obwohl die Hälfte der Langzeitstudenten der Beratung grundsätzlich aufgeschlossen gegenüberstand, war sie nur für jeden vierten eine sinnvolle Hilfe für die Studiengestaltung.

Die Studentenvertretungen sprechen derweil von einseitigen Schuldzuweisungen auf das Konto der Langzeitstudenten. Die wahren Probleme würden damit vom Tisch gefegt - schlechte Arbeitsmarktaussichten, der Zwang, Zusatzqualifikationen zu erwerben, oder schlechte Arbeitsbedingungen an Massenuniversitäten. "Die Defizite in Beratung und Betreuung an der Uni", resümiert Ulrike Gonzales vom FU-Asta, "können nicht am Ende des Studiums durch eine bürokratische Zwangsmaßnahme aufgefangen werden. Wir bräuchten fest verankerte Beratungs- und Betreuungsangebote von Beginn an." Eines ist sowohl in der Befragung der Hochschuldozenten als auch der Studenten deutlich geworden: Es besteht ein enormer Bedarf an Beratung und Betreuung an den Hochschulen.