Es muß schwer gewesen sein, den Versuchungen des Besatzerlebens zu widerstehen. Wenn etwa, wie im galizischen Kolomea geschehen, der Herr Grünzweig bei der Verwaltungsspitze vorsprach und "schönen Schmuck für die Frau Gemahlin" anbot, selbstverständlich "als Geschenk", dann bedurfte es schon eines starken Charakters, das neue Deutschland im eben überrollten Osten würdig zu vertreten.

Ein solcher Charakter war, vertraut man seinen eigenen Einlassungen, Gerhard von Jordan, der stellvertretende Kreishauptmann. Er wies den enttäuschten Juwelier Grünzweig, der sich an die Hoffnung geklammert hatte, durch Gefälligkeiten sein Leben verlängern zu können, ab. Doch fortan beobachtete von Jordan die Kollegen Besatzer und erkannte "an den Wurstfingern und Speckhälsen der prominenten Damen" den Kriegsgewinn.

Gerhard von Jordan lebt heute, 81jährig, im schwäbischen Heinsheim. Äußerlich betrachtet, genießt er in einem Schloß über dem Neckartal den Ruhestand eines Versicherungsdirektors. Man merkt ihm aber die Unruhe eines Mannes an, der auch nach fünfzig Jahren nichts zu den Akten gelegt hat. Auf dem Tisch unveröffentlichte Manuskripte - die Bewältigungsprosa des Gerhard von Jordan. "Großvater, warst du ein Nazi?" steht auf dem obersten Blatt eines dicken Stapels, "Polnische Jahre" auf einem selbstverlegten Bändchen.

Gerhard von Jordan wird man nicht vergleichen können mit seinem ehemaligem Chef, dem Kreishauptmann Klaus Volkmann, der nach dem Krieg als Peter Grubbe anrührende Zeitungsartikel über die Dritte Welt schrieb und währenddessen alles vergaß, was er in Kolomea zu verantworten hatte (siehe ZEIT Nr. 42 vom 13. Oktober 1995). Nirgends findet sich ein Indiz, daß Volkmann/Grubbe - wie sein Exstellvertreter - versucht, sich Rechenschaft abzulegen, über die Schuld und das Ausmaß der Mittäterschaft der Zivilverwaltung.

Fünfzigjährige Selbstzweifel hindern von Jordan freilich bis heute nicht, zugleich in Besatzerromantik zu schwelgen. Seine Erinnerungen zu lesen bedeutet auch, einzutauchen in die Welt der Kriegsgewinnler im Beutegebiet, in die Welt junger Männer, die Besatzung als "Abenteuer" verstanden. In Polen fanden sie "das Leben faszinierend. Wir lebten sehr angenehm. Es gab polnische Bedienstete, Autos und Pferde. Wir ritten köstliche Araberstuten." Man jagte Sauen und Enten und Schnepfen, man stieg in Lemberg im "George" ab, dem prächtigen Hotel mit den vielen Speisesälen, in denen lauter deutsche "Goldfasane" dinierten.

Als Okkupant konnte man sich schnell gewöhnen an Wohllebe und Großmannssucht. Und dabei en passant die Grenze zur profanen Raffgier übertreten. Von Jordan mußte gar nicht weit schauen: An seinem Chef, dem Kreishauptmann Volkmann, beobachtete er ein "gestörtes Verhältnis zum Eigentum". Präziser gesagt: "Er verhielt sich wie ein Kleptomane." Mehr mag von Jordan nicht preisgeben, zum Denunzianten wolle er nicht werden.

Das ist wohl überflüssig angesichts der Aktenlage. Regelmäßig haben Zeugen im Darmstädter Ermittlungsverfahren gegen Volkmann/Grubbe (1964 - 1967) von dessen Bereicherung berichtet.