Was hat er nur plötzlich? Helmut Kohl behauptet, man sehe ihn "zufrieden". Und "dankbar" sei er den Wählern. Aber er ist nicht zufrieden. Er grantelt und zürnt.

Bei der Pressekonferenz im Adenauer-Haus bietet er am Morgen nach der Berliner Wahl großmütig an, viel Zeit mitzubringen: Er liebe schließlich die Gesellschaft der Journalisten. Irgendwie kann der Mann zur Presse kaum noch sprechen, ohne Hohn und Spott über sie zu gießen. Doch zur Sache: Warum also ist er nicht zum 50. Geburtstag der Vereinten Nationen nach New York gereist?

Eine ganze Unmutssuada bricht aus dem Kanzler heraus. Wie groß dieses "intellektuelle Ereignis" sei, könne man schon daran erkennen, daß die Veranstaltung sechseinhalb Stunden länger dauern würde, wenn jeder Redner seine Redezeit - gerade mal fünf Minuten - um zwei Minuten überzöge. Hat er das nötig? Schließlich, sagt Kohl, fänden ja "keine Verhandlungen" statt. Solle er vielleicht nur zum Gruppenbild anreisen? Soll er sich vielleicht von einem Diener "zum Pult" bringen lassen, bloß um seine Visitenkarte abzugeben? Er werde bei einer anderen Gelegenheit reden, verkündet er dann, "aber so, daß ich auch eine gewisse Chance habe, überhaupt gehört zu werden".

Noch einmal legt Helmut Kohl nach: Danach gefragt, ob ein Reisetermin schon feststehe, brummt er desinteressiert: "Weiß ich jetzt noch nicht." Es gebe viele Chancen, miteinander zu reden, "und mit allen kann ich telephonieren". Er habe "großen Respekt" vor der Uno, beteuert Kohl. Respekt? Seine Reaktion ist eher die eines Hoch- und Tiefbeleidigten: voller national eingefärbter Überheblichkeit. Wenn er schon reist, dann will der Kanzler ganz offensichtlich nicht in einer Reihe mit jedermann, und seien es auch seine Freunde Clinton, Jelzin, Chirac und Mandela, für nur fünf Minuten sprechen. Hat er nicht Deutschland eigenhändig vereinigt? Hat er nicht zum 50. Jahrestag des Kriegsendes einen Schlußstrich ziehen lassen? Und gilt er nicht als Kanzler an und für sich?

Ganz offensichtlich sehnte sich Kohl nach einer Premiere: für sich und für Deutschland. Die aber hat es schon gegeben. Willy Brandt war 1972 als erster deutscher Kanzler zur Uno gereist, 1978 sprach Schmidt vor der Generalversammlung. Kohl sprach dort bisher noch nie. Aus Respekt?

Noch Fragen? Wer hat da gerade behauptet, die Union habe bei den Berliner Wahlen mit einem besseren Ergebnis gerechnet? Ich nicht! empört sich Kohl. Er habe mit 38 Prozent gerechnet. Das Ergebnis möchte er jetzt nicht "hinterfragen". Das überlasse er den evangelischen oder katholischen Akademien. Die werden sich über die warmen Kanzlerworte freuen.

Hat die CDU in Ostberlin nicht den Mittelstand und die Selbständigen enttäuscht? "Wenn Sie glauben, was aus dem ZDF kommt, sind Sie selbst schuld." Und was hält er von Christoph Bergners Bemerkung, man solle die Diskussion mit der PDS "auf das Niveau eines Ideenstreits heben"? "Ich fürchte, Sie haben nur die dpa-Ausgabe und nicht den Originalton gelesen", keilt Kohl zurück. Der Originalton stand im Spiegel, den der Kanzler nicht liest.