Die Anfänge des Dichters Paul Celan (23. November 1920 bis Ende 1979, als sein Leichnam in der Seine gefunden wurde), der in Czernowitz noch Antschel hieß, liegen nicht mehr im dunkeln. Nach der Spurensuche von Israel Chalfen, Barbara Wiedemann-Wolf, Gerhart Baumann, Petre Solomon, Edith Silbermann ist jene "Gegend, in der Menschen und Bücher lebten", die Bukowina, keine "der Geschichtslosigkeit anheimgefallene ehemalige Provinz der Habsburgermonarchie", wie Celan sagte, als er 1958 den Bremer Literaturpreis empfing, sondern Literatur und Geschichte zurückgewonnen.

Wir wissen von den ersten Julitagen 1941, als rumänische und deutsche Truppen, unter dem Oberbefehl des SS-Brigadeführers Ohlendorf, plündernd und mordend in das von den Russen geräumte Czernowitz einmarschierten und den Großen Tempel in Brand setzten. Wir wissen, daß am 11. Oktober 1941 das erste Ghetto in der Stadtgeschichte errichtet wurde. Die 45 000 Insassen wurden durch die nach Transistrien einsetzenden Transporte schnell dezimiert. Dem damaligen Bürgermeister Popovici gelang es, durch Ausstellung sogenannter "Arbeitsautorisationen" zum Wiederaufbau, 15 000 Juden dem Zugriff der Deutschen zu entziehen, darunter auch den einundzwanzigjährigen Paul Antschel, der an der gesprengten Pruth-Brücke eingesetzt wurde.

Doch hatte diese Maßnahme nur aufschiebende Wirkung. Bereits im Juni 1942 schützten die Popovici-Papiere nicht mehr. Das Versteck, das Pauls Freundin Ruth Kraft, geborene Lackner, fürdie Antschels bei dem rumänischen Drogisten Valentin Alexandrescu in der Mickiewicz-Gasse ausfindig macht, wird von der Mutter Fritzi nicht bezogen. Paul begibt sich an jenem Sommerwochenende allein dorthin - in der Hoffnung, man werde ihm folgen. Doch weiß er, daß die Schergen vor allem die Nächte von Samstag auf Sonntag zur Aushebung nutzen. Am Montag findet er die elterliche Wohnung versiegelt vor.

Weniger bekannt dürfte sein, daß sich der junge Antschel - wiederum auf Anraten von Ruth Kraft - im Juli 1942 zum "Arbeitsdienst" stellte. Was Sicherheit vor den Deportationen bot, war deshalb noch nicht "freiwillig", wie Leonard Forster 1985 schreibt. Es handelt sich um eine auf drei Jahre angelegte Zwangsarbeit, zu der das faschistische Antonescu-Regime jüdische Männer statt zur Wehrpflicht einzog. Paul Antschel wird zum militärisch wichtigen Straßenbau nach Tabaracti bei Buzau abkommandiert, mit ihm der spätere Direktor des Jüdischen Staatstheaters Bukarest, Franz Auerbach, und der junge Dichter Moses Rosenkranz, der wie Celan Verse "in der Sprache der Mörder" schreibt.

Bis zur Fertigstellung der Verwaltungsgebäude - von dem Lager stehen heute noch Küche und Schlafsaal - nächtigte man auf freiem Felde in primitiven Strohunterständen. Glück hatte, wer - um Arbeitszeit zu gewinnen - gleich bei dem Bojaren Bratescu unterkam, dessen Besitz von der Straßenführung profitierte und der deshalb um menschliche Behandlung der Häftlinge bemüht war. Die alten Leute in Tabaracti erinnern sich noch gut daran, wie man den "Deutschen" - ironischerweise hatte sich diese Bezeichnung für die untereinander deutsch sprechenden Juden eingebürgert - gegen deren geringen Sold Eier, Milch und Krapfen verkaufte, ohne daß die rumänischen Wachmannschaften einschritten. Das erzählten mir Ilie Dragoç, Gheorghe Cristea und Marin Cristea bei einem Gespräch in Tabaracti am 27. März 1994. An einen Paul Antschel erinnert sich allerdings niemand mehr.

Bald nach der Ankunft im Lager heißt es: "Du fragst mich in Deiner letzten Postkarte, ob ich schreibe. Nein, Ruth, es fehlt mir jeder Anlaß dazu. (. . .) Du schreibst, ich soll nicht verzweifeln. Nein, Ruth, ich verzweifle nicht. Aber meine Mutter tut mir leid, sie war so krank in der letzten Zeit, sie denkt sicherlich fortwährend, wie es mir geht, und so ohne Abschied bin ich weg, wahrscheinlich für immer."

Er wird schreiben - sonntags, während die anderen auf der Lagerwiese zusammensitzen -, und er wird Sonette von Shakespeare übersetzen. Zeichnen Zeitgenossen das Bild eines abgesonderten jungen Mannes, wortkarg, in sich gekehrt, so zeugen die Gedichte vom Gegenteil - von jenem Dialogischen, genauer: Apostrophischen, das Celans Lyrik über weite Strecken charakterisiert, etwa im Gedicht "Fackelzug":