Seine Meinung hat Detlef Hensche immer offensiv vertreten. Ob es um den "Radikalenerlaß" im öffentlichen Dienst ging oder um Nachrüstung, um Aussperrung oder Sozialabbau, der promovierte Jurist hielt stets dagegen - wortgewandt und unmißverständlich. Seine Position im politischen Spektrum beschreibt der Vorsitzende der IG Medien selbst als links. Seine zahlreichen Kritiker freilich sehen den 57jährigen eher linksaußen, manchen gilt er gar als Sympathisant der Kommunisten, als Chefideologe und Systemveränderer. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung nannte ihn kürzlich den "Schreckbürger", einen "Bürgerschreck, der selbst ein Bürger ist", die ZEIT titulierte ihn Mitte der siebziger Jahre als den "radikalen Doktor", andere zweifeln mehr oder weniger verhohlen an seinem demokratischen Bewußtsein. Und selbst unter Gewerkschaftskollegen sind Hensches Positionen heiß umstritten.

Mit derlei Anfeindungen und Etiketten hat der Sohn einer Wuppertaler Kaufmannsfamilie zu leben gelernt, an seinen Überzeugungen änderten sie nichts. Dabei läßt es ihn keineswegs kalt, abgestempelt zu werden und oft allein auf verlorenem Posten zu kämpfen. Ähnlich wie der gewaltige Heinz Kluncker, lange Jahre Vorsitzender der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), der in den siebziger Jahren mit den Streiks der Müllmänner zum Buhmann der Nation avancierte, ist auch Detlef Hensche keineswegs so abgebrüht, wie es nach außen scheint.

Schlaflose Nächte bereitete ihm zum Beispiel der Arbeitskampf um den Manteltarifvertrag für die Druckindustrie, mit dem sich die Gewerkschaft im Frühjahr 1994 total vergaloppierte. Zum Entsetzen der Arbeitgeber trat die Gewerkschaft mitten in der Rezession mit einem 44 Seiten langen Forderungspaket an, das neben mehr Gesundheitsschutz, Frauenförderung und einem teuren Vorruhestand für Schichtarbeiter auch weitgehende Mitbestimmungsrechte für die Beschäftigten enthielt. Die Druckunternehmer weigerten sich, über den "Horrorkatalog" überhaupt zu verhandeln. Erst nach wochenlangen Warnstreiks einigten sich beide Seiten schließlich, den alten Vertrag beizubehalten und über die Änderungswünsche der IG Medien während der zweieinhalb Jahre langen Friedenspflicht zu verhandeln.

Für die immer noch traditionsbewußten Drucker war dieses ruhmlose Ende ähnlich demütigend wie der Ausgang jenes legendären Konflikts im Jahre 1976, der ihren Ruf als rigorose Klassenkämpfer begründete. Der zweifelhafte Erfolg nach Streik und bundesweiter Aussperrung: In den Portemonnaies der Gutenbergjünger waren am Ende nur Zehntelprozente mehr als nach dem zweiten Schlichterspruch. Und die Kasse der IG Druck - erst 1989 schloß sie sich mit der Gewerkschaft Kunst zur IG Medien zusammen - wurde um 33 Millionen Mark erleichtert, was die permanente Finanzmisere der Organisation auslöste.

Hensche galt in beiden Auseinandersetzungen als die treibende Kraft, 1976 eher im Hintergrund als "normales" Vorstandsmitglied, heute als Chef der Gewerkschaft. Diesmal aber gestand Hensche nicht nur die schlaflosen Nächte ein. Selbstkritisch gab er auch öffentlich zu, die Gewerkschaft sei mit ihren Forderungen "zur Unzeit" angetreten. Er sprach von Fehleinschätzungen, völligem Realitätsverlust und einem auch ganz persönlichen Versagen. An dem Inhalt der Forderungen aber hält er nach wie vor fest. Seine Offenheit brachte ihm beim Gewerkschaftstag in dieser Woche viel Kritik ein. Dennoch wurde er mit überwältigender Mehrheit im Amt bestätigt.

In Hensches Biographie hat es noch andere Fehleinschätzungen gegeben. Heute, sagt er zum Beispiel, würde er es nicht mehr wie 1976 rechtfertigen, wenn Setzer und Drucker unliebsame Zeitungskommentare zum Streik verschwinden ließen. "Ich hätte viel Verständnis für den Ärger der Kollegen, aber redaktionelle Unabhängigkeit muß nach oben und nach unten gelten." Differenzierter als vor zehn, zwanzig Jahren ist wohl auch sein Urteil über den real existierenden Sozialismus. Zwar sagt SPD-Mitglied Hensche, ein Anhänger der DDR sei er nie gewesen und bei seinen beiden Besuchen in den achtziger Jahren habe er sich dort nie so richtig wohlgefühlt. Doch wie viele in jenen Tagen habe er gehofft, das System sei entwicklungsfähig. "Da hab' ich mich getäuscht." Seine Reiseberichte, auf die noch immer zum Beweis für eine allzu positive Haltung gegenüber dem System hingewiesen wird, interpretiert er als bewußte Kontrapunkte gegen die pauschale Verdammung durch den Westen. Man mag Detlef Hensche diese Auslegung glauben oder nicht. Alle, die ihn näher kennen, sind jedenfalls sicher, daß sich seine Positionen und Handlungen aus dem Impuls erklären, Ausgestoßenen und Benachteiligten zu mehr Gerechtigkeit zu verhelfen.

Zu diesem Bild paßt auch sein Eintreten für Mitbestimmung, Vergesellschaftung und Investitionslenkung. Gewiß, er wollte immer das System verändern, aber das, gibt er zu bedenken, sei doch ohnehin ein permanenter Prozeß, zum Beispiel, wenn Konzentrationsförderung an Stelle von Konzentrationskontrolle betrieben werde. Ganz und gar nicht wolle er an der demokratischen Verfassung rütteln, die für ihn freilich "mehr ist als Parlamentarismus", sie müsse plebiszitäre Formen haben. "Für die Abschaffung des Marktes aber habe ich mich nie eingesetzt, nicht mal in heißesten Jugendzeiten." Wettbewerb sei für ihn unverzichtbar, und vor allem der konsumnahe Bereich "vom Möbelhaus bis zur Gaststätte" sei privatwirtschaftlich am besten organisiert. Bei Bahn, Post und Großbanken jedoch könne er sich öffentlich-rechtliche Formen oder Genossenschaften sehr gut vorstellen.