Als damals in der Bio-AG das Wort semipermeabel aufkam, überlief es mich heiß. Genauso geht es mir bis heute mit dem Semikolon. Es sorgt zwischen zwei Zellpartnern für osmotischen Austausch. Kurze Sätze wohnen Block an Block; durch Perioden, die ein Semikolon gliedert, weht Zugluft. In weitgefächerten Texten, eingehüllt in ambrosische Nacht, möchte Lichtschein durch die Ritzen im Satzbau dringen; doch wo Punkte steh'n, ist der Laden dicht. Am Punkt prallt alles ab. Ein Punkt hält die separierten Abteilungen für immer auseinander. Der Ungeist des Definitiven schwebt über A und B.

Das Semikolon hingegen hilft über jeden Autor hinweggleiten, der nichts von seiner Restluft in der Lunge merkt und deshalb ausgepumpt - mangels Atemtechnik - über einem Punkt zusammenbricht, statt bedenkenlos weiterzuströmen, und zack! bricht der Langlauf unrühmlich ab. Semikolonmangel führt - diesseits von osmotischer Spannungsdosierung und Druckausgleich - zu Durchblutungsstörungen und Satzbauverhärtung.

Komma, Punkt und Doppelpunkt sind plumpe Gemüter; die Doppelmoral des Semikolons hingegen hat schon manchen Biedermann irritiert: Es dreht nicht nur Sätze zueinander, die sich gewaltsam die Rücken zukehren; es hält auch Sätze, die ineinanderfließen wollen, ungesellig auseinander.

1994 dachte ich oft ans Semikolon. Ich litt an der Semikolon-Skepsis eines Briefpartners, der mir schrieb: "Sehr interessant finde ich die Zwitterhaftigkeit, Unentschiedenheit des Semikolons.

Man wird nicht in ein Satzende entlassen, wird von Satz zu Satz weitergereicht. Das ist die Angst des Textes vor dem vorzeitigen Ausstieg des Lesers, finde ich" (Burghard Schmid, 20.10.94). Ein anderer Briefpartner betätigte sich geradezu als Semikolon-Gegner: "Der Strichpunkt ist nichts anderes als der Versuch, die angestrebte Abschwächung eines Punktes, die der vorausgegangene Satz zu geben nicht vermochte, nachträglich durch ein optisches Zeichen zu erzwingen oder zu suggerieren. Es gibt Ausnahmen; in der Regel kommt mir der Strichpunkt aber vor, wie wenn ein Autofahrer beim Schalten Zwischengas gibt, obwohl dies seit etwa 20 Jahren nicht einmal beim Schalten vom 2. auf den 1. Gang erforderlich ist" (Christoph Burgauner, 27.8.94).

Lesesogfetischisten mögen jedes Semikolon, zusammen mit Schmid, als Haar in der Suppe interpretieren, kurzatmige Bandwurmsatzgegner und Semikolonverächter wie Wolf Schneider - und sein Ghostwriter Rudi Ment! - mögen zusammen mit Burgauner um die Wette kutschen, ruckweise von Stolperschwelle zu Stolperschwelle; ich hingegen - ungerührt hinterherwinkend - schlage mich leidgeprüft auf die Seite der Semikolon-Nekrologen Theodor Haecker und Theodor Adorno, die weiterhin das Kreuz über all jen en machen, welche den telepathischen Subkutan-Kontakt zum Semikolon längst verloren haben.

Doch Vorsicht: Nicht daß jetzt jemand meine Position plausibler findet als die von Burgauner, Schmid & Schneider-Ment, um von heute an pfundweise Semikolons zwischen verdauliche Häppchen zu pfählen. Ich merke jedem Semikolon sofort an, wenn es im Grunde nicht unbedingt sein muß und trotzdem dasteht; oft will nur ein Pykniker beweisen, daß er langen Atem hat. Dann wird ein semipermeables Fenster genau dort eingebaut, wo es vom Textinhalt zugeschlagen wurde.