Der Mann vom Schweizer Fernsehen rückt mit seinem Team noch näher an den Frisierstuhl. "Der Meir Gerhard, der hat aus dem Friseurbesuch ein gesellschaftliches Ereignis gemacht. Wie ist ihm das gelungen?" Auf diese schöne Frage antwortet Meir Gerhard gerne. Aber weil er im rechten Mundwinkel eine Haarnadel aufbewahrt, muß er links durch die Zähne nuscheln, was die junge Frau mit der Mikrophonstange auf die Zehenspitzen zwingt.

Meir ist überhaupt nur in Zeitlupe zu genießen. Plötzlich muß das Model den Kopf vornüber stürzen. Meir bürstet hektisch gegen den Strich, klappt das Model wieder zurück in den Stuhl und fährt ihr mit gespreizten Fingern durch die Mähne. "Es ist totes Material und doch lebendig", schwärmt er und rauft der Frau den rotblonden Schopf. Dann fährt ein Ruck durch seinen Körper. Er reißt den Kamm an sich und beginnt, an der Schläfe ein Büschel zu toupieren. Bei diesen Erschütterungen hat das Model seine liebe Mühe. Ständig verwackelt ihr das Lächeln.

Der Haarkünstler im Kreise seiner Bewunderer - das ist für ihn ein Glück. Aber Meir als Buchautor im Fernsehen - das ist die Glückseligkeit. An einem Schönheitsratgeber hat er mitgewirkt. Und als das Werk in Frankfurt den Medien vorgestellt wird, ist es Meir, der nicht nur mit dem Buch vor der Brust posiert, sondern vor den Kameras auch zu Kamm und Bürste greift. Daß er "so positiv" ist, freut auch den Verlag in München. "Als ich ihm die Druckfahnen in den Salon brachte", erinnert sich ein Mitarbeiter der Pressestelle, "ist er herumgesprungen und hat sich gefreut wie ein Kind."

Auch bei der Präsentation ist Meir aufgeregt wie ein Klavierschüler vor dem Elternabend. Gerade hat er dem Model die Mähne eingedreht und zu einer kunstvollen Rolle auf den Hinterkopf gesteckt. Und als sich der Haarspraynebel über die Schönheit senkt und der Fernsehreporter keine Frage mehr an den Meir Gerhard hat, springt dieser mit hochrotem Kopf vom Podest und beklatscht sich selbst: "Super!"

Den Schönheitsratgeber hat der Starfriseur zusammen mit Charlotte Seeling, früher Chefredakteurin von Marie Claire, geschrieben. Das heißt, Frau Seeling hat geschrieben, und für das Kapitel "Haare" hat Meir Tips beigesteuert. Zum Beispiel diesen: "Ein Pony darf auf keinen Fall gebleicht werden, wenn man nicht aussehen will wie ein Haflinger Pferd." Zwischen Photos mit Strandszenen, die zeigen, wie der Wind und Meir in den langen Haaren einer Blondine wuseln, wettert Meir gegen die Dauerwelle, rät zu einer Bürste mit Plastik- und Wildschweinborsten und zu kühlem Essigwasser als Spülung.

Der aufgedrehte Friseur und die Fernsehmenschen haben Charlotte Seeling fast in den Hintergrund gedrängt. Dabei ist die dunkelhaarige Dame hinter dem Sektkübel die eigentliche Autorin. Und in dem Buch geht es bei weitem nicht nur um Strähnen und Schuppen. Seeling gibt vernünftig klingende Ratschläge für ein natürliches Make-up (mit Mineralwasser sprühen!) und zeigt, wie frau die Zahnseide richtig hält.

Für Meir ist das Buch ein weiterer Coup in einer genialen Marketing-Strategie. Sein Aufstieg von einem Münchner Friseurgesellen zu Deutschlands Starfigaro erfuhr die größte Beschleunigung, als Gloria von Thurn und Taxis ihr fürstliches Haupt in seine Hände gab. Es ist Meir zu verdanken, daß ihr die Haare damals zu Berge standen. Und von der Aufmerksamkeit, die ihre provokanten Frisuren erregten, fiel immer auch ein wenig auf Meir ab. Seither ist nicht nur sein Münchner Salon ein gesellschaftlicher Treffpunkt. Sein Ruhm reichte auch für eine feine Filiale in Hamburg an der Außenalster. Boris Beckers Frau Barbara läßt sich bei ihm die Locken glätten und Karl Lagerfeld das Pferdeschwänzchen pflegen. Und wenn sich irgendwo auf der Welt eine Diplomatengattin unpäßlich fühlt, wird Meir eingeflogen und kommt mit Balsam für Haar und Seele.