Karachi

Die Mörder kamen im Taxi. Vor der Ersten Frauenbank am Bhaijan Chowk eröffneten sie das Feuer auf die beiden Polizisten, die dort Wache hielten. Dann stiegen die Killer seelenruhig wieder in das Taxi und fuhren davon. Es war hellichter Tag, niemand hielt sie auf. Wie viele Polizisten in diesem Jahr schon getötet wurden, weiß niemand. Nach über tausend Toten allein in den vergangenen vier Monaten haben die Statistiker in Karachi den Überblick verloren.

Ein Tag im Leben der Zwölfmillionenstadt: In ihrem Haus wird die 28jährige Saba getötet, Heckenschützen haben ihren Körper mit Kugeln durchsiebt. Ohne Grund wird auch die 12jährige Ruqqayya umgebracht; sie spielte zur falschen Zeit auf der Straße. Sterben mußte die 18jährige Farhana, die Killer traten ihre Haustür ein und schossen sie nieder. Ebenso wie den Steuerbeamten Mohammed oder den 65jährigen Subhanuddin, der im Schlaf umgebracht wurde.

Glück haben jene, denen nur das Auto oder ihr Geld abgenommen wird. Fast nirgendwo in Karachi, der größten Stadt in Pakistan, ist man mehr sicher. Nicht einmal in Clifton, wo das festungsähnliche Haus von Premierministerin Benazir Bhutto steht. An der prächtigen Ausfallstraße zum Flughafen gestikulieren Männer mit ihren automatischen Gewehren, die Passanten schauen schnell weg. Wie die Leichenfledderer machen sich Lumpensammler über einen ausgebrannten Bus her. Als vor kurzem das Gebäude der Provinzregierung mit Raketen beschossen wurde, will niemand etwas gesehen haben. Nachts gehören die Straßen ganzer Stadtviertel den Killerkommandos.

"Es gibt wahrscheinlich niemanden, der nicht Erfahrung mit der Gewalt gemacht hat", sagt Razia Bhatti, "die Bürger dieser Stadt leben in einem Kriegsgebiet ohne jegliche Sicherheit und ohne Hilfe von seiten des Staates." Die Chefredakteurin der Monatszeitschrift Newsline, die für ihre Unerschrockenheit im vergangenen Jahr den internationalen Pressepreis "Courage in Journalism" erhielt, weiß, wovon sie spricht. Vor kurzem schickte ihr der Gouverneur die Polizei zu mitternächtlicher Stunde ins Haus, weil Newsline ihn als das beschrieben hatte, was er offensichtlich ist: ein Mann mit dunkler Vergangenheit. "Die Leute in Karachi werden praktisch zerquetscht zwischen dem Terror der MQM und dem Gegenterror des Staates, und sie haben solche Angst, daß sie sich nicht einmal wehren", sagt die mutige Frau. MQM steht für Mohajir Qaum Movement. Es ist die überwiegend im Untergrund operierende politische Vertretung der Mohajirs: Muslimische Flüchtlinge, die nach der Unabhängigkeit und Teilung Indiens 1947 in den neuen Staat Pakistan kamen.

Doch Benazir Bhutto spielt das Problem Karachi herunter. "Karachi ist nicht anders als Bombay oder New York." Unverdrossen wirbt sie im Ausland für Investitionen in der Industriemetropole. Ein Drittel der Industrie aber hat die Produktion mittlerweile eingestellt oder einen sichereren Standort gewählt. Wegen der häufigen politischen Streiks können die Menschen nicht zur Arbeit kommen. Schutzgeldforderungen und räuberische Erpressung nehmen zu, und jeden Tag macht allein die Industrie einen Verlust von über 100 Millionen Mark.

Aber noch mehr trifft das gewaltige Chaos jene siebzig Prozent der Bevölkerung, die von der Hand in den Mund lebt. Wie der Zimmermann Fazal, der mit seinem Werkzeug täglich auf der Straße hockt und auf Auftraggeber wartet. Oder der Obstverkäufer Abdul, der seinen kleinen Wagen seit zwanzig Jahren durch den besonders gefährlichen Zentraldistrikt der Stadt schiebt. Der Taxifahrer Rafiq hat Angst vor der Polizei, die ihm regelmäßig einen Teil seiner Tageseinnahmen abknöpft: "Man muß ja froh sein, wenn sie einen am Leben lassen." Polizei und die paramilitärischen Ordnungskräfte, Ranger genannt, sind heute mehr gefürchtet als die Terroristen der MQM. Das einzige Beschwerdetelephon für die Bürger ist entweder besetzt, oder es nimmt niemand ab. "Es ist, als ob sie es geradezu darauf anlegen, daß nichts mehr funktioniert", sagt ein Rechtsanwalt und spricht von "bewußt geschürter Anarchie". Auch äußerlich gleicht das einst fortschrittliche Karachi mehr und mehr einer Elendsstadt.