Da stehen wir also, quasi schon im Vorgriff auf das Luther-Jahr 1996 (1997 dann das Melanchthon-Jahr!), in der berühmten Lutherhalle der Lutherstadt Wittenberg und entdecken plötzlich, irgendwo in einer Vitrine, den bekannten Opferkasten des berüchtigten Ablaßpredigers Tetzel, nicht ohne Rührung. Ob es nun die original Tetzel-Kiste ist, sei dahingestellt, wird wohl auch nicht beteuert - daß man hier aber überhaupt dieses tüchtigen Mannes so ordentlich gedenkt, ist doch sehr erfreulich. Seine eigene Kirche nämlich, die heilige katholische und apostolische, hatte ihn ja fallengelassen (nachdem die Sache mit den Ablässen mehr oder weniger aufgeflogen war), wie sie ganz heilig katholisch und apostolisch noch jeden fallengelassen hat, den sie nicht mehr braucht oder der ihr nicht mehr nützlich scheint, so überdauert man die Zeit. Verbittert ist der arme Tetzel dahingegangen, und nur Luther selber hat dem Sterbenden noch ein Trostbrieflein geschrieben, sei alles nicht so persönlich gemeint gewesen, was ja auch stimmt.

Der Tetzel. Eigentlich dumm von der heiligen Kirche, ihn so zu vergessen und zu verleugnen. Denn er war gut, nein, er war sogar besser: Er war wirklich Spitze. Ein Profi, das kann niemand bestreiten. Er verstand seine Sache. Und darin ist er wirklich der Erste gewesen, der Erste, der das (natürlich nicht ganz neue) Geschäft Geld gegen Seligkeit beziehungsweise Seligkeit für Geld rundum professionell und perfekt durchgezogen hat. Schon allein wie er die Grenzen des Produkts wolkig verschwimmen und die Leute im ungewissen darüber ließ, ob sie sich für ihren Taler nun wirklich in den Himmel ein- oder nur vom Fegefeuer freigekauft haben . . . Wie er die Gewissen mobilisierte (auch verstorbene Verwandte können ausgelöst werden!), Glücksverlangen und Höllenängste entfesselte und dabei aller Augen auf diese lächerlichen Papierchen, diese Ablaßzettel, lenkte . . . Und seine Slogans erst! Nicht nur die altbewährte und eher laue Schiene mit dem Taler, der im Kasten klingt, und der Seele, die aus dem Fegefeuer springt, sondern die ganz harten, die wirklich scharfen Dinger: Selbst wer die Jungfrau Maria geschwängert, kann vollen Ablaß kaufen!

So was hat er später natürlich bestritten, üble Nachrede.

Benetton wäre stolz drauf! Wirklich, Tetzel wußte, wie man's macht. Und spüren wir nicht immer noch seinen Geist in den Büros, über den Zeichentischen aller besseren Agenturen? Erkennen wir nicht seine wundervolle, glaubensfeste Stimme wieder, aus den Spots im Radio und im Fernsehen und aus den bunten Anzeigen heraus? Und sind es nicht immer noch dieselben Leute, die ihm lauschen, unverändert seit 1517, die unverbesserliche Menge, die seligkeitssüchtige Zielgruppe: wir, die traurigen Idioten?

Kauft, kauft, kauft! Wohnzimmer, Autos, Uhren, Superreisen, kauft ein Stück vom Himmel! Kauft, und alle Strafen sind euch erlassen. Alle Qualen in euren Familien-Höllen und Single-Kerkern werden euch leicht. Ihr werdet schön wie die Engel, in vollendetem Genuß. Kauft, kauft! Auch wenn ihr alle schon des Teufels seid, ihr dreckigen Sünder - friß nur diese Ablaß-Margarine, und du darfst so bleiben, wie du bist.

Jeder Beruf und jedes Gewerbe hat seinen eigenen Schutzpatron; Sankt Barbara für die Bergleute und Sankt Nikolaus für die Kaufleute. Sollte er da nicht endlich in das große Buch der Helden und Heiligen aufgenommen werden: Johannes Tetzel O. P., geboren 1465 in Pirna, gestorben einsam und verlassen 1519 in Leipzig, Schutzpatron der Werber, der Agenturen, der Kreativen, all over the world?

Das Unmögliche schaffen ist immer möglich. Let's make things better! Heiliger Tetzel, bitte für uns.