Was stören die geflickte Blümchentapete und die durchgelegene Matratze, wenn man im 1488 gebauten Kütertor in Stralsund wohnt? Die Außenmauer mißt auch hier oben noch einen Meter, der Blick ist betörend: links die Klinkerzinnen des Verlagsgebäudes der Ostsee-Zeitung, geradeaus glänzt der Knieperteich in der Morgensonne, und rechts steht ein spitzgiebliges, rotgestrichenes Fachwerkhaus. Früher haben in ihm, der sogenannten Wasserkunst, Maulesel ein Schöpfwerk angetrieben; seit 1925 dient es als Jugendherberge.

Über verwinkelte Treppen und Gänge kommt man vom Tor durch die ausgebaute Stadtmauer auf den Innenhof. Von hier aus ist der ehemalige Wasserturm zu sehen, der seit den sechziger Jahren zur Herberge gehört. Das Ensemble wirkt trotz des neuen Küchentraktes fast mittelalterlich. "Ich finde das total cool hier", kommentiert die vierzehnjährige Ayfer aus Solingen, die mit ihrer Klasse auf den Stadtführer wartet.

Die alte Hansestadt hat es den Schülern angetan. Da ist die spartanische Ausstattung der Jugendherberge nicht so wichtig. Es sei ganz gut, daß sich die verwöhnten Kinder einmal auf solch einfachen Standard einstellen müßten, sagt die Lehrerin Sabine Heimann.

Seit der Wende ist immerhin einiges verbessert worden. Wie überall in Mecklenburg-Vorpommern hat das Jugendherbergswerk zunächst die alte Heizung ersetzt und in die Sanitäranlagen investiert - in Stralsund gibt es jetzt zwanzig statt acht Duschen. Die Stadt nutzte Denkmalschutzgelder, um die Fassaden des Kütertors und der Wasserkunst teilweise erneuern zu lassen. Rund 1,2 Millionen Mark wurden bisher verbaut, eine komplette Rekonstruktion würde 12,7 Millionen Mark kosten.

Doch Geld ist knapp: Allein die Sanierung und Erweiterung der 32 Jugendherbergen Mecklenburg-Vorpommerns würden annähernd hundert Millionen Mark verschlingen. Fünfzehn Millionen Mark - überwiegend Landes- und Bundesmittel - wurden in den vergangenen fünf Jahren investiert. Überschüsse erwirtschaften die Herbergen noch nicht, aber sie tragen sich finanziell, nicht zuletzt wegen einer starken Reduzierung der Personalkosten. Von ehemals 600 Mitarbeitern ist nur ein Drittel übriggeblieben.

Der Stralsunder Herbergsvater Lothar Bening versucht, den fehlenden Komfort auf andere Weise auszugleichen. Der Empfang ist die ganze Nacht über besetzt, Einzelwanderer werden bis ein Uhr aufgenommen. Für Schulklassen organisiert Bening Stadtführungen und Fahrten mit dem Rasenden Roland oder Ausflüge zu den Kreidefelsen. "Wenn sich zwei Klassen nicht mögen", sagt Bening, "dann schicke ich sie mit dem Schiff nach Hiddensee." Zurück kämen sie meist als Freunde. Während es vor ein paar Jahren noch eher Reibereien zwischen Ost und West gegeben habe, lägen sich heute meist Schüler aus Bayern mit Hamburgern in den Haaren. Rund achtzig Prozent der deutschen Gäste kommen aus den alten Bundesländern. Bening rechnet mit etwa 31 000 Übernachtungen in diesem Jahr. Mit einer Belegung von 172 Tagen liegt Stralsund über dem Landesdurchschnitt von 142 Tagen.

Um die gedrungene Backsteinkirche von Plau am See ducken sich Fachwerkhäuser, der Regen hat die Bürgersteige in Schlamm verwandelt. Viel gibt es in dem 6700-Seelen-Städtchen nicht zu sehen: den Burgturm, die Klappbrücke über die Elde und das mit herbstlichem Efeu umrankte Rathaus. Ein Reisebüro lockt mit "Qualitätsurlaub zu Last Minute Preisen" in die Fremde. Hierher verirrt sich in dieser Jahreszeit kaum jemand.