Bonn

Am Ende werde es zwei Volksparteien geben oder gar keine. Mit dieser These erklären besorgte Christdemokraten - erst recht nach der Wahl in Berlin -, weshalb sie so vorsichtig auf das Debakel der SPD reagieren. In der Glanzzeit hatte sie dort einst mit Willy Brandt 61 Prozent erreicht, heute sitzt sie mit 23,6 Prozent im Keller. Die CDU verlor drei Prozent und landete bei 37,4.

Keine der kleineren Parteien, so lautet das Argument, zumal von Hans-Joachim Veen, dem Forschungsdirektor der Adenauer-Stiftung, habe in langen Jahren ähnlich viel Kompromißfähigkeit erlernen müssen wie die großen. Selbst Helmut Kohl, der so gern auf den "Sozen" herumhackt, erteilt nun Rudolf Scharping väterlichen Rat. Ganz unter uns Parteivorsitzenden: Die Sozialdemokraten sollten Geduld und Demut zeigen, sich dann aber auch an Bert Brechts Song orientieren, "und der Haifisch, der hat Zähne . . .".

Die beiden Volksparteien, CDU und SPD, haben die Geschichte der Bundesrepublik weithin geprägt. Auch wenn sie fast immer einen kleineren Bündnispartner benötigten, der ihnen Mehrheiten sicherte. Wenn sie zur Disposition stehen, löst sich damit vermutlich auch etwas vom Innersten der alten Republik auf. Ja, vermutlich fängt der Auflösungsprozeß gar nicht bei den Parteien, sondern im Alltag der Republik selbst an.

Die Rechnung kann man schon aufmachen: Wenn die SPD einmal unter dreißig Prozent absackt, und das geschieht bei Umfragen derzeit, würden die Zerreißproben eher größer als kleiner, die Wählerschaft würde sich andere oder neue Parteien suchen. Die Grünen, PDS, die CDU, wen auch immer. Das könnte in der Folge auch bei der CDU dazu führen, daß sie sich fraktioniert.

Als Journalist hat man die Welt der Politik als eine kennengelernt, die ganz und gar von den Regeln der Parteipolitik beherrscht, von Parteien durchwirkt wird. Die CDU, die sich mit Staat und Demokratie fast verwechselte, büßte 1969 ihre langjährige Vormachtstellung ein. In den Bonner Hinterzimmern tagten "Kreise" von Journalisten mit dieser oder jener Parteipräferenz oder -nähe. Daß Machtverhältnisse nur über Parteien geregelt werden und Politik nur von ihnen artikuliert wird, war unbestrittenes Allgemeingut. Ein solches Politikverständnis mutet aus heutiger Sicht, im Zeitalter von Mururoa und Ozonloch, ob seiner Eindimensionalität fast vorsintflutlich an, wie ein Relikt aus vergangener Zeit.

Sogar die außerparlamentarische Opposition hatte eingesehen, daß sie nur innerparlamentarisch und in den Parteien Einfluß ausüben kann. Die beiden großen aber, deren Machtorientierung sie dauerhaft in den Mittelpunkt des Interesses rückte, besaßen auch für die APO die größte Attraktivität. Im Widerspruch wie in der Zustimmung.